Wiernsheim
Wiernsheim -  24.04.2022
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Interessierte informieren sich: Erster Weidegang beim Wiernsheimer Bioland-Hof Blessing

Wiernsheim. Als Jörg Blessing das Gatter öffnet, laufen und springen die Rinder ausgelassen den Berg hinauf zu einer saftigen, grünen Wiese. Dort genießen sie die Weite und das Gras. Nachdem sie den Winter im Stall verbracht haben, ist es für sie der erste Weidegang in diesem Jahr. „Für die Kühe ist das ein besonders freudiges Erlebnis“, sagt Blessing: „Das sieht man ihnen auch richtig an.“

Zahlreiche Besucher sind auf den Bioland-Hof Blessing gekommen, um sich artgerechte Tierhaltung anzuschauen. Foto: Roller
Zahlreiche Besucher sind auf den Bioland-Hof Blessing gekommen, um sich artgerechte Tierhaltung anzuschauen. Foto: Roller

Einblicke in den Betrieb

Zahlreiche Interessierte sind am Samstag auf den Bioland-Hof Blessing in Wiernsheim gekommen, um sich bei einer Veranstaltung der Bio-Musterregion Enzkreis das Spektakel anzuschauen. Dass der erste Weidegang mit Publikum stattfindet, ist auf dem Blessinghof nichts Besonderes. „Für uns ist das eine langjährige Tradition“, sagt Blessing. Eine Tradition, die allerdings in den vergangenen zwei Jahren wegen der Corona-Krise und der mit ihr verbundenen Beschränkungen nicht wie gewohnt stattfinden konnte.

Umso mehr freut sich Blessing, dass das jetzt wieder möglich ist und er Gelegenheit hat, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Beim Weidegang stürmen am Samstag insgesamt 70 Rinder auf die Wiese, davon 34 Milchkühe. Der Rest sind Ochsen und weibliche Rinder, die noch kein Kalb hatten. Zehn verschiedene Weideparzellen hat Blessing, die nacheinander belegt werden. Wenn es genug regnet und sich die Wiesen wieder regenerieren, kann man anschließend wieder von vorne anfangen. Doch das geht nicht immer. Blessing erzählt, 2020 sei es so trocken gewesen, dass schon ab Anfang August nichts mehr nachgewachsen sei. Er bewirtschaftet rund 60 Hektar, die eine Hälfte Acker-, die andere Grünland. Ende der 1980er-Jahre hat er hofnahes Ackerland in Grünland umgewandelt, weil, so sagt er, „ich meinen Kühen mehr Weide gönnen wollte“. Blessing erklärt, für die Gesundheit der Tiere sei Weidehaltung am besten. Unter anderem, weil sie sich dort besser bewegen können, sie an der frischen Luft sind, der Grasuntergrund einen festen Tritt bietet und auf der Weide das Fressen besser ist für die Verdauung: Wenn man im Stall Grünfutter vorlege, neige die Kuh dazu, es schnell hineinzuschlingen. Blessing setzt keine Importfuttermittel ein. Wenn er selbst nicht genug Futtergetreide hat, kauft er von Kollegen dazu.

Schon 1989 hat er seinen bis dahin konventionellen Betrieb auf Bio umgestellt. Hauptgrund dafür war, dass viele der Importfuttermittel in Übersee auf Flächen wachsen, die dadurch für den Anbau von Grundnahrungsmitteln für die einheimische Bevölkerung fehlen. Für die Hungersituation in der Welt sei das „eine sehr ungute Sache“, sagt Blessing: „Davon haben nur einige, wenige Großkonzerne etwas.“

Biomusterregion

Ursula Waters freut sich, dass der Blessinghof ein Bioland-Betrieb ist. Die Regionalmanagerin der Biomusterregion erklärt, aktuell gebe es im Enzkreis 55 Bio-Betriebe mit unterschiedlicher Zertifizierung. Der Enzkreis ist eine von 14 Bio-Musterregionen in Baden-Württemberg. Ziel ist, dass bis 2030 mindestens 30, idealerweise 40 Prozent der regional erzeugten Lebensmittel aus Bio-Produktion stammen. Aktuell befindet man sich im Enzkreis laut Waters knapp unter 20 Prozent, Tendenz steigend. Sie hofft, dass die 30 Prozent erreicht werden können. Aber sie sagt auch, dass das schwierig werde. Auch, weil Bio-Qualität auf derselben Fläche nur etwa die Hälfte des Ertrags bedeute und der Verbraucher tiefer in die Tasche greifen müsse. „Aber für die Umwelt ist das der richtige Weg.“

Autor: Nico Roller