Lokale Organisatoren haben klare Meinung: Wie viel Politik gehört aufs Festival?
Straubenhardt/Bad Wildbad. Dürfen Musiker auf der Festivalbühne politische Botschaften verbreiten? Diese Frage sorgt derzeit für Diskussionen, nachdem die Band Alphaville zunächst vom Glücksgefühle-Festival auf dem Hockenheimring ausgeladen worden war. Auslöser der Debatte waren politische Äußerungen des Alphaville-Sängers Marian Gold in der Vergangenheit. Gold hatte sich bei Konzerten unter anderem für Demokratie und gegen Rechtsextremismus positioniert und dabei auch die AfD kritisiert.
Die Veranstalter des Festivals am Hockenheimring um Eventmanager Markus Krampe und Ex-Fußballprofi Lukas Podolski wollten solche Statements auf ihrer Bühne jedoch nicht. Wie gehen die Festivals in der Region mit politischen Äußerungen auf ihren Bühnen um? Beim Happiness-Festival in Straubenhardt und beim viel kleineren Polterplatz Open-Air in Bad Wildbad gibt es keine entsprechenden Vorgaben für die Künstler, wie eine Umfrage der PZ zeigt.
Benjamin Stieler hat die Debatte um Alphaville nicht nur aus der Ferne verfolgt. Der Organisator des Happiness-Festivals war am Samstag selbst auf dem Hockenheimring zu Gast, um Kontakte zu knüpfen. Zwar spielt das Straubenhardter Festival bei den Besucherzahlen in einer deutlich kleineren Liga als das Großereignis auf dem Hockenheimring. Auf der Bühne finden sich aber durchaus dieselben prominenten Namen: Marteria, SDP, Bausa und 01099 etwa standen 2026 bei beiden Festivals im Programm. Für das Happiness zieht Stieler in der Frage politischer Äußerungen eine klare Linie.
„Bei uns gibt es keine Regelungen darüber, ob sich Künstler auf der Bühne politisch äußern dürfen“, sagt er. „Wir stehen für politische Meinungsfreiheit und sind froh, dass wir die in Deutschland haben.“ Der Künstler werde in seiner Freiheit beim Happiness nicht eingeschränkt.
Ganz ohne gesellschaftliche Haltung präsentiert sich das Festival allerdings nicht. In seinem Awareness-Konzept bekennt sich das Happiness zu „Solidarität, Vielfalt und gegenseitiger Rücksichtnahme“ und erklärt, jede Form von Diskriminierung abzulehnen.
Ins Gespräch gehen
Auch beim Bad Wildbader Polterplatz Open-Air sieht Organisator Jörg Achache keinen Anlass, den Musikern politische Äußerungen vorzuschreiben. Allerdings warnt er vor einem direkten Vergleich mit dem Glücksgefühle-Festival. Der Polterplatz sei ein kleines Open-Air. Verträge mit den auftretenden Bands gebe es nur selten – und wenn, dann enthielten diese keine Regelungen zu politischen Äußerungen.
Dass Musiker die Bühne für politische Botschaften nutzen, hat Achache durchaus schon erlebt. „Es gab auch schon Bands, die sich politisch geäußert haben auf der Bühne. Das hat manchem Besucher nicht gepasst“, berichtet er. Zum größeren Problem sei das jedoch nicht geworden. Die Verantwortlichen seien mit den Kritikern ins Gespräch gegangen und hätten auf die Meinungsfreiheit der Künstler verwiesen.
Achache kennt dabei auch die andere Seite der Bühne. Rund 30 Jahre spielte er selbst in der Band Shellproof. Politische Äußerungen seien bei deren Auftritten allerdings nie ein Thema gewesen. Dass Musiker dies anders handhaben, hält er heute für alles andere als ungewöhnlich: „Politische Äußerungen auf der Bühne sind doch heute schon Mainstream.“
Das Vorgehen beim Glücksgefühle-Festival bewertet Achache kritisch. Er halte das Verhalten des Veranstalters für falsch. Vor allem sieht er darin einen Widerspruch zum ursprünglichen Ziel, die Veranstaltung von Politik freizuhalten: „Dadurch ist das Festival jetzt erst recht politisch geworden.“
Die Organisatoren des Glücksgefühle-Festivals hatten Alphaville darum gebeten, auf politische Äußerungen während des Auftritts zu verzichten. Eine Einigung mit der Band kam nicht zustande, der Auftritt wurde abgesagt. Gold reagierte mit deutlicher Kritik und sprach von einem „Maulkorberlass“. Der Vorgang löste eine bundesweite Debatte darüber aus, wie weit Veranstalter in die Äußerungen der von ihnen gebuchten Künstler eingreifen dürfen. Es folgte die Kehrtwende: Markus Krampe bezeichnete die Entscheidung als Fehler, entschuldigte sich und lud Alphaville wieder ein. Die Band lehnte eine Rückkehr jedoch ab. Von der Bühne verschwand die Debatte trotzdem nicht. Andere Künstler griffen den Fall auf, mehrere spielten demonstrativ den Alphaville-Hit „Forever Young“. Der Versuch, die Politik von der Bühne fernzuhalten, hatte damit genau das Gegenteil bewirkt.
Termine in der Region
Bei den Festivals in der Region will man den Künstlern auch künftig keine Vorgaben machen. Die nächsten Gelegenheiten für Festival-Besuche gibt es im Sommer: Am 25. und 26. Juni 2027 findet der Polterplatz in Bad Wildbad zum 36. Mal statt, vom 15. bis 17. Juli folgt das Happiness-Festival in Straubenhardt. Wer dort auf der Bühne steht, darf selbst entscheiden, ob neben der Musik auch politische Botschaften Platz haben.
