Schömberg
Schömberg -  18.04.2021
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Kurioses Verfahren: Sagenumwobene Charlottenhöhe wird zwangsversteigert

Schömberg/Calw. Die einst stolze Lungenklinik mit dem königlichen Namen, getauft nach der württembergischen Königin Charlotte, ist längst nur noch eine Ruine. Wo in den Jahrzehnten nach der Einweihung 1907 viele auch prominente Tuberkulose-Patienten Heilung suchten, tummelten sich in jüngerer Vergangenheit Abenteurer auf der Suche nach „verlorenen Orten“ oder Menschen mit Zerstörungswut. Ein Vierteljahrhundert ist das denkmalgeschützte Sanatorium trotz kurzfristiger Wiederbelebungsvisionen ungenutzt und bröckelt vor sich hin.

Das blieb auch nach der letzten Zwangsversteigerung 2007 so. Über einen Umweg ging das Areal 2009 an den aktuellen Besitzer, der sich nicht um die Gebäude kümmert. Auch nicht um die Sicherungspflicht. Für die Gemeinde Schömberg, auf deren Gebiet die Charlottenhöhe liegt, war der Mann mit einer Moskauer Adresse nie zu erreichen. Auch nicht für die „Grundbesitzabgaben“, wie Martin Ertle, der Rechtspfleger vom Amtsgericht Calw, die über Jahre aufgelaufenen Schulden beschreibt. Schömberg hatte 2018 einen Antrag auf erneute Zwangsversteigerung gestellt, so Kämmerer Ralf Busse. Ertle hat mit dem 8. Juni den Termin festgelegt, an dem das Areal – aufgeführt sind neun einzelne Gebäude – unter den Hammer kommt.

Der Weg dorthin war zäh ohne möglichen Kontakt zum Schuldner. Gerichte stünden manchmal vor solchen Situationen, sagt Amtsgerichtsdirektorin Brigitte Lutz: wenn Mietnomaden auf Nimmerwiedersehen verschwinden oder Verdächtige spurlos abtauchen. Damit man die Justiz so nicht ausbremsen kann, gebe es die so genannte „Zustellfiktion“, so Lutz. Wenn alle Kontaktmöglichkeiten ausgeschöpft seien, könne man etwa öffentlich durch Aushänge oder im Staatsanzeiger informieren. Ertle wählte zusätzlich eine Aufgabe zur Post. Dann kann ein Einschreiben auch zurückgehen, und das Gericht macht trotzdem weiter. Allerdings: „Mein Einschreiben mit der Festsetzung des Verkehrswerts ist tatsächlich nicht mehr zurückgekommen“, sagt Ertle. Auch den Versteigerungstermin habe er so noch mal nach Moskau geschickt.

Am Verkehrswert können sich mögliche Bieter orientieren. Allerdings hat den ein Gutachter für das Areal, das wegen des Verfalls „keine realistische Nutzungsmöglichkeit mehr“ habe, wie es in den Gerichtsunterlagen steht, mit minus 195 000 Euro beziffert. Weil so etwas für eine Zwangsversteigerung nicht geht, hat Ertle einen symbolischen Wert angesetzt: einen Euro. Plus. Viele ernsthafte Interessenten erwartet der Rechtspfleger trotzdem nicht.

Eine Sanierung für Kurzzeitpflege, Pension und Gaststätte war in den 1990er-Jahren versucht worden. In den Betrieb ging all das nie. Der Plan einer Ayurveda-Klinik, den eine Käufergesellschaft 2002 hegte, blieb ein Traum. Die Gemeinde Schömberg hofft auf eine mögliche Zukunft mit Erweiterung der in der Klinikumgebung vereinzelt bestehenden Wohnbebauung. Doch selbst der dafür nötige Abriss ist teuer – und langwierig, weil der Schutz für das Kulturdenkmal zeitaufwendig geprüft werden müsste. Über das enge Forststräßchen von Schömberg her, könnte noch nicht mal schweres Abrissgerät anfahren, sagt Ertle. Aus Richtung Calmbach über die Hengstbergsteige gehe das eingeschränkt.

Autor: hei