Gemeinden der Region
Enzkreis -  17.05.2020
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Bier, Fleisch und andere Lebensmittel: Auch Zulieferer brauchen Aufschwung der darbenden Gastronomie

Pforzheim/Enzkreis. Nicht nur Gastronomen lechzen nach Lockerungen in der Bewirtungsbranche – auch ihre Zulieferer, von der Brauerei bis zum Großmarkt, vom industriellen Schlachtbetrieb bis zum Mineralwasser-Unternehmen oder auch zum Express-Service. Einer der „Big Player“ in der Region mit Sitz an der Kleiststraße in der Pforzheimer Oststadt ist das Unternehmen Gastromaster. Beliefert werden mit den zwei Dutzend Kühllastern rund 2000 Kunden in Gastronomie, Hotellerie und Gemeinschaftsverpflegung. „Rund 85 Prozent sind von einem Tag auf den anderen weggebrochen“, sagt Geschäftsführer Kai Aldinger auf PZ-Anfrage.

Der Warenbestand habe die größte Herausforderung in der Krise dargestellt – nicht nur wegen der damit verbundenen Zahlungsflüsse. Sondern auch mit Blick auf das Mindesthaltbarkeitsdatum. Aldinger: „Natürlich haben wir versucht, aus finanziellen, aber auch aus Nachhaltigkeitsgründen den Verderb so gering wie möglich zu halten.“ Dies sei recht gut gelungen. Neben der Vermarktung in Richtung Einzelhandel, Bäckereien und Metzgereien habe man mit Tafeln gearbeitet, mit Gastronomen, die gemeinnützig kostenlos Bedürftige bekocht hätten, und auch über neue Wege wie „Too Good To Go“ sehr viele Lebensmittel gerettet.

Teilweise mehr Umsatz

Auch wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen sei: Es habe vereinzelt Partner gegeben, die plötzlich sogar mehr Umsatz gemacht hätten als jemals zuvor. Es werde nach der Krise ein deutlich breiteres gastronomisches Angebot im Markt verfügbar sein, ist sich Aldinger sicher. Viele Gastronomen hätten die Potenziale erkannt und sich bereits jetzt dazu bekannt, das To-Go-Angebot beizubehalten oder sogar auszubauen. Aldinger: „Der Konsument darf sich auf dauerhaft mehr als Lieferdienste im Pizza-Bereich freuen.“ Nach den Wochen des Herunterfahrens laufe nun die Maschinerie an, um mit der Gastronomie den Markt wiederzubeleben.

Aufmunternde E-Mails bekennender Ketterer-Trinker

Michael Ketterer, der Chef der gleichnamigen Pforzheimer Familienbrauerei, hat, so sagt er, „Gänsehaut bekommen“, als ihm virtuelle Stammtische aufmunternde Mails und Fotos schickten. „Dass waren bekennende Ketterer-Trinker, die sich unterstützend an uns gewandt haben“, sagt der Brauerei-Chef, „das war eine große Solidarität, eine tolle Erfahrung.“

Was die Gastronomie angeht, blickt Michael Ketterer derzeit entspannt in die Zukunft: Der Lagerbestand der von Ketterer (nicht nur mit Bier) belieferten Unternehmen – rund 150 Betriebe aller Art, vom Eigenbetrieb zur Eck-Kneipe, die wie die Vereinsheime noch nicht öffnen dürfen – dürfte ordentlich bestückt sein, weil die Unternehmen vor dem Lockdown noch regulär beliefert worden seien. Man habe die Gastronomen gebeten, mögliche Ablauftermine sorgfältig zu prüfen.

Das wird auch regelmäßig in den Supermärkten gemacht, bei denen das Geschäft für Ketterer nach einem „fulminanten März“ wieder nachgelassen habe. Die Kiste Bier, die von freiwilligen Helfern nach einem Einsatz oder der Altherrenmannschaft nach dem Training noch geleert wird – „das sind schon fehlende Umsätze“, sagt Ketterer.

Brauhaus-Wirten die Leitungen gereinigt

Auf eigene Kosten, so „Brauhaus“-Chef Wolfgang Scheidtweiler, habe man insgesamt fünf professionelle Reinigungsteams losgeschickt, damit sie in den von der Brauerei belieferten Wirtshäusern die Leitungen fachmännisch säubern. Bierfässer, die bereits angestochen waren, würden von der Brauerei durch frische ausgetauscht. Scheidtweiler ist auch einer der Gesellschafter des „Parkhotels“, der ersten Adresse der Stadt. Die Hotelküche (auch während der Krise nicht geschlossen wegen der Geschäftsreisenden) fahre nun langsam wieder hoch. Ob im Palmengarten oder im Hotelrestaurant: Man darf sich wieder setzen – bisher hieß es, das georderte Essen mit aufs Zimmer zu nehmen. Was (noch) wegfällt, ist die Selbstbedienung am Büfett. Was bleibt, ist die Grundhaltung des Patrons. Scheidtweiler: „In der Regel bin ich ein grenzenloser Optimist.“

Metzger-Obermeister sieht keinen Einbruch in der Branche

Optimismus schwingt auch in der Stimme von Andreas Beier mit. Der Obermeister der Fleischerinnung (Dürr und Beier/Nöttingen) sieht seitens seiner Branche keinen Einbruch – weil die Gastronomie ihren Fleischbedarf zum Großteil über andere Vertriebswege beziehe als von den lokalen Metzgereien (eine Ausnahme bilde beispielsweise der Völkersbacher Kollege Bernd Glasstetter, der vorwiegend die Top-Gastronomie im Landkreis Karlsruhe wie den Ettlinger „Erbprinz“, das „Schwitzer’s“ in Waldbronn oder die „Villa Hammerschmiede“ in Söllingen mit gereiftem Ochsenfleisch versorgt). Im Umkehrschluss – der Kunde kauft im Fachgeschäft ein und bereitet sich den Rostbraten eben zu Hause zu – habe er, sagt Beier, ein Umsatzplus von satten 40 Prozent gemacht. Auch wenn diese Steigerung nun zurückgehen dürfte: Beier freut sich auf die Wiederbelebung der Gastronomie. Und so wird er am kommenden Donnerstag, dem Vatertag, kein Essen ausliefern. Da überlässt er das Feld freiwillig den so gebeutelten Wirten.

Autor: Olaf Lorch-Gerstenmaier