Calw auf und davon: Darum sammeln Pforzheim und Enzkreis weniger Kilometer beim „Stadtradeln“
Pforzheim, Enzkreis, Kreis Calw. Gegen den WSV Schömberg hatte das Rathaus am Ende keine Chance. Doch immerhin hat es das Verwaltungsteam bei der Aktion „Stadtradeln“ auf Platz zwei geschafft. Bürgermeister Matthias Stepan ist zufrieden und hat auf seinen Arbeitswegen selbst einige Kilometer beigesteuert – mit einem der beiden gemeindeeigenen E-Bikes. „Ich bin aber nicht immer im Turbo-Modus gefahren“, wie er scherzhaft betont. Wie viele Kilometer haben die Radler in Schömberg, Bad Wildbad und dem Kreis Calw zurückgelegt? Und wie gut ist das im Vergleich – beispielsweise mit Pforzheim und dem Enzkreis? Die PZ hat sich die Zahlen angeschaut und Experten des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) um eine Einschätzung gebeten.
770.000 Kilometer haben alle 3100 Teilnehmer der 200 Teams im Kreis Calw auf dem Tacho während „Stadtradeln“ gesammelt und so umgerechnet 126 Tonnen CO2 eingespart. Schömberg hat dabei ein Prozent beigesteuert und liegt auf dem 13. von insgesamt 15 Plätzen im kreisweiten Ranking. Bad Wildbad hat deutlich mehr geliefert und landet am Ende auf einem guten sechsten Platz (siehe Zusatztext). Am meisten beigesteuert haben die beiden Großen Kreisstädte Nagold und Calw, gefolgt von Althengstett. Höfen, Dobel, Unterreichenbach und Enzklösterle waren beim „Stadtradeln“ nicht dabei.
Enzkreis steht schlechter da
Im Enzkreis sind deutlich mehr Städte und Gemeinden am Start. 21 von insgesamt 28. Ganz vorne, klar: die Große Kreisstadt Mühlacker mit 56000 Kilometern. Ganz stark hinsichtlich der Kilometer pro Einwohner Königsbach-Stein, Sternenfels und Maulbronn (alle über vier). Dafür sind im Enzkreis nur rund 435.000 Kilometer zusammengekommen. Dort war „Stadtradeln“ erst seit dem 25. Juni angesagt und dauerte bis diesen Mittwoch.
So ist das auch in Pforzheim. Die Goldstadt liegt im Vergleich ähnlich großer Stadt- und Landkreise mit rund 231.000 Kilometern aktuell abgeschlagen auf dem letzten Platz. Der Enzkreis folgt danach. Dort konnte der Vorjahreswert nicht getoppt werden. Noch am Dienstag war unklar, ob das auch in der Goldstadt der Fall sein würde. Franziska Dorner, Sprecherin des ADFC-Kreisverbands Pforzheim-Enzkreis, hatte dem durchaus Chancen eingeräumt. Und es hat geklappt – wenn auch knapp.
Die Expertin vom ADFC macht klar, dass durch die Hitzetage während des „Stadtradelns“ weniger Kilometer zusammengekommen sein könnten. Auch ihr Verein habe angebotene Touren umgeplant und gekürzt. Im Kreis Calw ist dagegen eine enorme Steigerung von weit über 250.000 Kilometern zu sehen – trotz Hitze. Warum fahren in Pforzheim und dem Enzkreis vergleichsweise weniger mit dem Fahrrad? Franziska Dorner (Archivfoto: WIP) zählt dabei mehrere Gründe auf. Einmal die Topographie: Die sei in Pforzheim nicht so einladend, es gebe aber auch vergleichbare Städte wie Tübingen, die fahrradfreundlich seien. Zudem könnten die Nachteile durch das E-Bike wettgemacht werden. In der Goldstadt müssten Auto- und Radfahrer räumlich mehr voneinander getrennt sowie Schlaglöcher und Hindernisse beseitigt werden, meint die Sprecherin des ADFC Pforzheim/Enzkreis. Dazu würden viele Pforzheimer auch weite Strecken pendeln. „Dies ist mit dem Rad nicht möglich.“ Selbst die innerstädtischen Verbindungen nach Huchenfeld, Hohenwart, Büchenbronn, aber auch auf den Buckenberg oder Haidach seien schwierig.
Im Enzkreis seien die Distanzen oft weit und es gebe keine „guten und alltagstauglichen Strecken“. Die Radwege zwischen dem Stadt- und Landkreis seien entweder in mangelhaftem Zustand oder es existierten gefährliche Abschnitte, bei denen man vielbefahrene Straßen an unübersichtlichen Stellen kreuzen müsse. „Jenseits des Enzkreises führen gut ausgebaute und lückenlose Radwege ans Ziel.“ Im Raum Stuttgart gebe es ein Radschnellwege-Netz. Doch es gibt ein positives Beispiel: Der neue Radweg in Neuhausen setze neue Standards und werde sicher angenommen.
Weiter würden Fahrradfahrer teils an Querungen alleingelassen. „Da krankt der gesamte Radweg daran und damit die Entscheidung, die Strecke mit dem Rad zurückzulegen“, so Dorner. Sie spricht auch von einem rauen Klima auf Pforzheims Straßen, von engem Überholen als Strafe.
Potenzial für Verbesserungen
„Eine Radinfrastruktur muss eine Einladung sein. Ist diese gut und verlockend, dann wird diese auch gerne angenommen, möglicherweise erst mit Zeitverzögerung.“ Am Kepler-Gymnasium in der Nordstadt sei dies der Fall. Und daher führe die Schule auch die Liste in Pforzheim an. „Obwohl auch da hin Höhenmeter überwunden werden müssen.“ Weil die Fahrradstraße vor der Nordstadtschule noch nicht umgesetzt wurde, tauche diese Bildungseinrichtung überhaupt nicht in der „Stadtradeln“-Statistik der Goldstadt auf.
Nicht nur dort gibt es laut dem ADFC Verbesserungspotenzial. Der Verein spricht auch die fehlende Nord-Süd-Achse durchs Stadtgebiet an. Und die Steubenstraße: „Dort werden die Radfahrenden des Enztalradweges an geparkten Autos vorbei gegen die Einbahnstraße geleitet – immerhin nicht mehr um Café-Tische und als „Fahrrad frei“ auf einem Gehweg.“
Bad Wildbad hat die Nase klar vorn
Die 50 angemeldeten Schömberger bei „Stadtradeln“ haben in drei Wochen insgesamt rund 7900 Kilometer gesammelt. Der WSV Schömberg (3300 Kilometer) steht an der Spitze der insgesamt neun angemeldeten Teams in der Glücksgemeinde, gefolgt vom Rathaus mit 1130 Kilometern. Bürgermeister Matthias Stepan hat mit seinen Wegen zu Terminen dabei 215 Kilometer beigesteuert, wie er selbst erzählt. Pro Kopf müssen sich er und seine fünf Verwaltungsmitarbeiter (189 Kilometer/Teammitglied), die ebenfalls in die Pedale getreten haben, nicht vor dem WSV verstecken (205/
Gruppenteilnehmer). Und in dieser Kategorie hat sogar das Team Oberlengenhardt die Nase vorne (292/Fahrer). In Bad Wildbad ist „Stadtradeln“ beliebter. Mehr als dreimal so viele Radfahrer waren dieses Jahr dabei (163). Insgesamt kamen fast 55.000 Kilometer zusammen. An der Spitze der 14 Teams: die Mannschaft von Berthold (fast 8000), dicht gefolgt von Hittech Prontor (7914) und der SpVgg Aichelberg (circa 7750).
Die drei Top Teams der Stadt landen im kreisweiten Vergleich auf den Plätzen 20, 21 und 23. Ganz stark Sasratec: Die beiden Radler aus der Gruppe traten laut Statistik beide über 1000 Kilometer in die Pedale.
Was bringt „Stadtradeln“?
„Wir sehen den wichtigen Impuls und Erinnerung, wie sinnvoll und auch schön es sein kann, Alltagswege mit dem Rad statt mit dem Auto zurückzulegen“, sagt ADFC-Sprecherin Franziska Dorner aus Pforzheim. Sie und ihre Mitstreiter wollen sich am Ende der Aktion genau anschauen, wo Fahrradfahrer unterwegs sind und wo sich eine gute Infrastruktur auszahlen würde. Während der Aktion würden dazu anonym Daten gesammelt. Das helfe bei den Gesprächen mit den Verantwortlichen der Stadt und des Enzkreises.
Und die Vorsitzenden der ADFC-Ortsgruppe Calw schreiben: „Das ,Stadtradeln‘ ist eine schöne Motivation, das Fahrrad häufiger rauszuholen und gemeinsam Spaß beim Radeln zu haben.“ An einigen Stellen gäbe es auch schon gute Infrastruktur dafür, gerade jenseits der touristischen Strecken sehen die beiden aber häufig noch Verbesserungsbedarf. „Dafür werden wir uns weiterhin einsetzen, damit alle sicher unterwegs sein können.“
