„Die Geburt der Filmmusik“ der Badischen Philharmonie: Publikum erlebt eine Sternstunde orchestraler Erzählkunst
Als vor ziemlich genau 100 Jahren der Tonfilm erfunden wurde, ahnte wohl kaum jemand, dass sich die Filmmusik zu einer eigenständigen Kunstform entwickeln würde, die heute mühelos mit der Popkultur konkurriert. Doch das Phänomen der „Bilder im Ohr“ ist weitaus älter.
Beim 5. Sinfoniekonzert der Saison im CCP bewiesen die Badische Philharmonie und GMD Daniel Inbal eindrucksvoll, dass die moderne Filmmusik ihre Wurzeln tief in der Programmmusik des 19. Jahrhunderts hat – und dieser an Qualität in nichts nachsteht.
Es war ein kluger Schachzug der Intendanz, den Abend „Die Geburt der Filmmusik“ als Gesprächskonzert anzulegen. Daniel Inbal, der seit dieser Spielzeit die Philharmonie leitet, erwies sich dabei nicht nur als geschickter Dirigent, sondern auch als inspirierender Vermittler. Zur Überraschung des Publikums erklang zu Beginn der „Tanz der Zuckerfee“ aus Tschaikowskys „Nussknacker“ – ein Werk, das gar nicht auf dem Programm stand. Anhand dieses Beispiels verdeutlichte Inbal die Rolle der Celesta, jenes faszinierenden Tasteninstruments mit seinem glockenreinen, fast jenseitigen Klang, als klangliche Brücke zwischen Romantik und Filmmusik: Was bei Tschaikowsky die Märchenwelt untermalt, verleiht John Williams‘ „Harry Potter“-Thema seine magische Aura. Solche klug gesetzten Querbezüge zogen sich wie ein roter Faden durch den Abend.
Die Badische Philharmonie präsentierte sich in bester Spiellaune und kostete die bildhafte Instrumentierung der Werke voll aus. In Paul Dukas‘ „Zauberlehrling“ ließen die Musiker das Wasser förmlich durch den Saal fließen, während das (Kontra-)Fagott den tölpelhaften Lehrling meisterhaft charakterisierte. In Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ hingegen durften Klarinette, Englischhorn und die Erste Violine in schwelgerischer Romantik aufgehen. Dass Filmmusik heute längst den Weg aus den Kinos in die Konzertsäle gefunden hat, rechtfertigte der zweite Teil des Abends. Giovanni „Nino“ Rotas Suite zur „Pate“-Trilogie brachte eine ganz eigene, melancholische Farbe in das CCP. Hier glänzte das Orchester durch feine Nuancen: Die gedämpfte Solotrompete und der Einsatz des Akkordeons erzeugten eine dichte, fast greifbare Atmosphäre. Den krönenden Abschluss bildete die Suite zu „Harry Potter and the Sorcerer’s Stone“. Hier durften Solohorn und Soloflöte noch einmal ihre Klasse beweisen, während das groß besetzte, durch zusätzliche Bläser und Schlaginstrumente aufgestockte, Orchester mit Wucht und höchster Präzision das „Kopfkino“ der Zuhörer vollendete.
Ein visuelles Element ergänzte die musikalische Darbietung: Der mexikanische Künstler Ernesto Lucas begleitete das Konzert als Livezeichner. Auf zwei große Leinwände übertragen konnte das Publikum verfolgen, wie Lucas die Dynamik der Musik – von leisen, suchenden Linien bis hin zu impulsiven Strichen bei dramatischen Entwicklungen – in Echtzeit einfing.
Man mag darüber diskutieren, ob der Künstler so prominent vor dem Orchester platziert sein musste, was zeitweise fast vom musikalischen Geschehen ablenkte. Doch der Erfolg der Aktion war unbestreitbar: Die während der Aufführung entstandenen Zeichnungen wurden im Anschluss im Foyer versteigert. Der Erlös kommt dem ambulanten Kinder- und Jugendhospiz „Sterneninsel e.V.“ zugute, was dem Abend neben dem künstlerischen Glanz auch eine wichtige soziale Note verlieh.
Fazit: Daniel Inbal und der Badischen Philharmonie ist ein Abend gelungen, der zeigte: Gute Musik braucht keine Leinwand. Ob Programmmusik ohne Film oder Filmmusik ohne Leinwand – am Ende zählt die Kraft der Imagination. Das Pforzheimer Publikum bedankte sich für diese Sternstunde orchestraler Erzählkunst im nahezu ausverkauften Haus mit langanhaltendem Applaus.
