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Pforzheim -  08.08.2020
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Es muss nicht immer ein Studium sein - Handwerk wirbt für Ausbildung und gute Aufstiegschancen

Pforzheim/Königsbach-Stein. „Es war die beste Entscheidung, meine Ausbildung hier fortzusetzen“, sagt Lukas Hagel. Im Mai hatte er sich bei der Huchenfelder Elektro-Firma Mürle beworben, die dringend noch einen Lehrling suchte. Begonnen hatte der Pforzheimer seine Ausbildung im Frühjahr 2019 bei einem Betrieb in Hessen. „Doch das war nicht das Richtige“, sagt Hagel. Häufig sei er der einzige Deutsch sprechende Handwerker auf wechselnden Baustellen gewesen, die Ausbildung sei meist zu kurz gekommen. „Ich durfte den ganzen Tag nur Schlitze klopfen“, erinnert sich Hagel. Er hatte Angst, deshalb die Zwischenprüfung nicht zu bestehen. Also machte er sich auf die Suche nach einem neuen Ausbildungsbetrieb in seiner Heimatstadt.

Man muss auch mal zupacken, weiß der Auszubildende Lukas Hagel (links) – hier mit einem Solarmodul und seinem Chef Udo Mürle. Foto: Neff
Man muss auch mal zupacken, weiß der Auszubildende Lukas Hagel (links) – hier mit einem Solarmodul und seinem Chef Udo Mürle. Foto: Neff

„Die Handwerkskammer hat mir dabei geholfen. Der Wechsel nach Huchenfeld hat sich gelohnt“, sagt der 23-Jährige, der zunächst ein Geologie-Studium in Hessen begonnen hatte. Auch Firmenchef Udo Mürle ist zufrieden. „Es ist nicht ganz einfach, gute Lehrlinge zu finden.“ Gerne würde er im Herbst noch einen dritten Azubi einstellen. Vielen Bewerbern fehle es nicht nur an der schulischen Qualifikation, sondern vielmehr an Leistungsbereitschaft und Motivation, klagt Mürle.

Die Firma hat sich auf Solaranlagen und Wärmepumpen spezialisiert. Zum Fuhrpark gehören auch mehrere Elektroautos, die von der hauseigenen Photovoltaikanlage gespeist werden. „Klar muss man auf der Baustelle schon mal zupacken. Doch es ist es eine abwechslungsreiche und spannende Tätigkeit“, sagt Hagel, der gerade mit den Kollegen von einer Baustelle im Rodgebiet zurückkommt und noch die Abfälle aus dem Fahrzeug in die bereitstehenden Recyclingbehälter im Firmengebäude bringen muss. Erst dann ist Feierabend. Während des Studiums hatte er gemerkt, dass eine handwerkliche Ausbildung besser zu ihm passt und auch nach den negativen Erfahrungen in Hessen nicht aufgegeben.

Innungsvorstand will mehr Werbung für Ausbildung im Handwerk machen

„Viele Schulabgänger wollenlieber studieren“, sagt Mürle, der im Innungsvorstand tätig ist. Dabei biete gerade das Handwerk viele Abwechslung und gute Aufstiegschancen. „Wir müssen in den Schulen mehr Werbung für eine Ausbildung im Handwerk machen.“

Trotz Corona-Krise sind Unternehmen und Betriebe weiterhin auf der Suche nach Auszubildenden. Die Zahl der gemeldeten Lehrstellen und auch die der aktuell noch unbesetzten Ausbildungsstellen liege in etwa auf dem Vorjahresniveau, berichtet Stefan Gauss von der Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim. Damit zeige sich der Ausbildungsmarkt robuster als erwartet.

Die Herausforderung, Azubis zu finden, werde für Betriebe aber bleiben, berichtet etwa Zecha Hartmetall-Werkzeugfabrikation in Königsbach-Stein. So seien Praktika coronabedingt derzeit nicht möglich  – „und werden es voraussichtlich in der nächsten Zeit auch nicht geben“, sagt eine Sprecherin. Auch Ausbildungsmessen fallen dieses Jahr aufgrund der Pandemie aus. Für Unternehmen seien das aber Möglichkeiten gewesen, nach Nachwuchs Ausschau zu halten. „Fraglich ist, wie das im nächsten Jahr sein wird“, so die Sprecherin.

Mehr Flexibilität von Unternehmen gefordert

Auch an anderer Stelle wird von Unternehmen Flexibilität gefordert. So fiel vorübergehend der Präsenzunterricht aus – für die Azubis eine ungewohnte Situation. Nikita Naumov und Gabriel Scalpello haben trotzdem ihre praktische Abschlussprüfung zur Fachkraft für Metalltechnik mit der Fachrichtung Zerspanungstechnik bestanden. Aus einer Mischung von Online-Unterricht und Präsenz im Betrieb. Doch damit ist für die Nachwuchskräfte der Ausbildungsweg noch nicht beendet: Im Herbst hängen sie ihre nächste Weiterbildung in Form einer übergeordneten Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker mit der Fachrichtung Schleifmaschinensysteme dran.

„Wir sind glücklich, die Ausbildung hier bei Zecha begonnen, erfolgreich abgeschlossen zu haben und nun auch zu erweitern. Die Grundlagen sind vorhanden, jetzt möchten wir uns spezialisieren“, sagen Naumov und Scalpello. Derzeit beschäftigt das Unternehmen zehn Auszubildende, inklusive zwei dualer Studenten. Auch wenn die Bewerbersuche etwas verspätet startete, habe der Betrieb vier geeignete Azubis gefunden. So fängt Jonathan Kocher, Langzeitpraktikant der „Chance M+E BBQ“, im Herbst eine Ausbildung zur Fachkraft für Metalltechnik.

www.handwerk-ist-geiler.de

Autor: Lothar Neff und Katharina Lindt