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Enzkreis -  16.06.2024
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Heimweh – aber zu Hause ist Krieg: Verein hilft Ukrainern nach der Flucht nach Deutschland

Enzkreis. Einen kurzen Nachmittag lang feierliche Behaglichkeit, einen kurzen Nachmittag lang Normalität. Für einen Moment nicht an den Krieg in der Heimat denken, an die Nachbarn, Verwandten und Freunde, die in der Ukraine geblieben sind – oder vermisst werden.

Lisna Maryna, Riabova Maryna, Nataliia Hildenberh
Lisna Maryna, Riabova Maryna, Nataliia Hildenberh Foto: Stiegler

Seit mehr als zwei Jahren wütet der russische Angriffskrieg gegen den ukrainischen Nachbarn. Hier im Saal des Gemeindehauses der Christusgemeinde Brötzingen glaubt niemand an einen schnellen Frieden. Rund 50 geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer, vor allem junge Mütter mit ihren Kindern, sind an diesem Nachmittag zusammengekommen. Viele haben sich besonders hübsch gemacht, einige tragen bestickte Landestracht in den Farben rot, gelb, schwarz und blau. Sie sind Mitglieder im Verein „Deutsch-Ukrainische Gesellschaft Oberih“ (siehe Infokasten). Gemeinsam essen sie selbst gemachte, landestypische Köstlichkeiten, singen mal melancholische Volkslieder, mal heimische Schlager zu stampfendem Beat. Die Vereinsvorsitzende Swetlana Drebant schwirrt durch den Raum, regt zum Mitklatschen an, verbreitet Herzlichkeit und Gastfreundschaft, der man sich kaum erwehren kann.

Warum dieses Engagement?

„Es ist eine Herzensangelegenheit“, sagt Drebant. „Ich habe gesehen, wie alle gelitten haben. Vor allem die Kinder.“ Die 65-Jährige kam vor 32 Jahren als Russlanddeutsche aus der Ukraine nach Baden-Württemberg. Seit 2022 betreut die Rentnerin und ehemalige Museumspädagogin geflüchtete Ukrainer als Dolmetscherin beim Gang zu unterschiedlichen Behörden. „Sie wussten nichts, sie waren wie blinde Kätzchen“, erinnert sich Drebant an die anfängliche Überforderung der Geflüchteten. Jeden Tag erreichten sie mehr und mehr Fragen.

„Ich kenne alle Schwierigkeiten, die Menschen aus einem anderen Land ohne Sprachkenntnisse und mit einer anderen Mentalität erwartet. Wir kamen damals freiwillig nach Deutschland. Sie aber mussten gehen und sind zudem sehr traumatisiert.“

Drebant sagt, sie habe sich als Ukrainerin verpflichtet gefühlt, ihren Landsleuten zu helfen. Inzwischen ist die anfänglich kleine Gruppe angewachsen. Rund 300 Familien haben sich bis heute bei dem im November vergangenen Jahres offiziell gegründeten Verein Oberih zusammengeschlossen. „Oberih“ ist ukrainisch und beschreibt eine Art Talisman, einen Gegenstand, der seinen Besitzer vor Bösem bewahren soll.

Ums Bewahren geht es dem Verein, neben ganz alltäglicher Unterstützung bei der Integration der geflüchteten Familien und konkreten Hilfen für die Zurückgebliebenen und Versehrten im Heimatland. Ums Bewahren der jahrtausendealten ukrainischen Kultur, der Traditionen und Bräuche, der Lieder, Märchen und Erinnerungen, die verloren zu gehen drohen. Das ist hier die ganz konkrete Angst.

„Die Ukrainer haben doppelten Stress. Sie müssen sich integrieren, die Sprache lernen, aber zu Hause sterben Ehemänner, Verwandte, Söhne“, beschreibt Drebant den unglaublichen Druck, unter dem ihre Schützlinge stehen.

„Sie brauchen Zuspruch, Trost und Gleichgesinnte. Man kann das nicht nachvollziehen, wenn man es selber nicht erlebt hat.“

Im Brötzinger Gemeindehaus treten all diese Sorgen kurz in den Hintergrund. Draußen lichten sich die Regenwolken. Olha Rühl hat ihr Akkordeon ausgepackt, spielt eine beschwingte Volksweise. Die sechsjährige Anna schnappt sich ihre zweijährige Schwester Marija und tanzt mit ihr durch den Raum. Der Blumenkranz auf Annas Kopf in den ukrainischen Landesfarben verschwimmt zu einem blau-gelben Wirbel.

Wie geht es weiter? „Es wird gekämpft“, sagt Drebant. „Viele heftige Kämpfe. Die Ukrainer sind traurig, in Wartestellung, angespannt. Sie warten einfach ab.“ Mehr können sie nicht tun.

Der Verein

Gegründet im November 2023 wächst der Verein Deutsch-Ukrainische Gesellschaft Oberih stetig und ist im gesamten Enzkreis – mit einer Niederlassung in Mühlacker – aktiv. Der Verein hilft nach eigenen Angaben ukrainischen Geflüchteten bei der Integration in die deutsche Gesellschaft. Bei gemeinsamen Feiern und Veranstaltungen sollen die Kultur ihrer Heimat sowie die ukrainische Identität bewahrt und weitergegeben werden. Zudem werden für die rund 300 aktiven Familien zahlreiche Kurse und Seminare angeboten, darunter Sport für Kinder und Erwachsene, Sprachunterricht, ein Puppentheater, psychologische Betreuung sowie Fahrrad- und Wanderklubs. Neben gegenseitiger Hilfe und Unterstützung der hiesigen Geflüchteten ist Aufgabe des Vereins zudem Fürsorge für Kriegshinterbliebene und Kriegsbeschädigte in der Ukraine

Meinungen:

Ira Kychuk (38) aus Dnipro

„Die Zukunft der Ukraine ist für mich eine Frage, die Aufregung hervorruft, aber ich glaube an das Potenzial des Landes und seiner Menschen. Die Erhaltung meiner Kultur in der Vereinigung Oberih ist für mich wichtig, da dies zur Bewahrung der Identität und Gemeinschaft beiträgt. Oberih spielt eine bedeutende Rolle bei meiner Anpassung an das neue Leben in Deutschland, indem der Verein die Möglichkeit bietet, Unterstützung und Gemeinschaft in einem anderen Land zu finden. Es ist wichtig, diese Art von Unterstützung zu haben, besonders während der Anpassungsphase an neue Bedingungen und Umgebungen.“

Oksana Tur (38), aus der Region Saporischschja

„Wenn wir an die Zukunft der Ukraine denken, sind wir meist zugleich hoffnungsvoll, ängstlich und optimistisch. Die russische Aggression zielt auf die völlige Zerstörung der ukrainischen Spiritualität und Identität ab, daher ist die Bewahrung des kulturellen Erbes der Ukraine von größter Bedeutung.“

Nataliia Hildenberh (32) aus Iwano-Frankiwsk

„Die ständige Sorge um das Schicksal unseres Landes verschwindet nicht. Es ist, als ob du lächelst, lernst, arbeitest, aber innerlich gibt es unendlichen Schmerz. Wir gewöhnen uns leider bereits daran, in ständigem Stress, in Unsicherheit zu leben, und bei vielen Menschen entsteht ein Gefühl der Lähmung. Kein Verständnis für die Zukunft, Sehnsucht nach zu Hause. Verwandte, Freunde, Kollegen: gestorben oder fortgegangen auf der Suche nach einem sicheren Zufluchtsort. Familien sind getrennt, viele haben keinen Ort mehr, an den sie zurückkehren können. Und wenn du ständig in diesen Ängsten lebst, scheint es, als ob es keine Unterstützung unter deinen Füßen gäbe. Und das ist besonders schwer, wenn du nicht nur für dich selbst, sondern auch für Kinder verantwortlich bist. Deshalb haben wir, als wir unseren Verein gegründet haben, davon geträumt, eine Organisation zu schaffen, in der Menschen die benötigte Unterstützung, Hilfe, Ratschläge und einfach ein Stück Vertrautes auf dieser Erde finden können.“

Maryna Riabova (38) aus Charkiw

„Wo auch immer ich mich befinde, ist es mir sehr wichtig, unsere nationale Identität, unsere Sprache, Geschichte und Kultur zu bewahren. Wie eine Pflanze nicht ohne Wurzeln leben kann, so auch der Mensch. Unsere Wurzeln sind die Erfahrungen unserer Vorfahren. Wir haben eine spirituelle Verbindung zu ihnen durch unsere Lieder, die wir singen, wenn wir uns als Familie versammeln, durch die Märchen, die wir unseren Kindern erzählen, durch die Ornamente, mit denen wir unsere nationale Kleidung schmücken, durch Rituale und Bräuche, die ich gerne den kleinen Ukrainern weitergeben würde. Diese Verbindung ist heute für mich eine unerschöpfliche Quelle der Kraft, die es mir ermöglicht, zu leben und weiterzugehen.“

Autor: sti

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