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Pforzheim -  15.11.2020
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Im Porträt: Friseursalon in Pforzheim schließt nach 110 Jahren Familientradition

Pforzheim. Seinen Kunden schaute René Hölle in seinen 43 Jahren als Friseur immer zuerst auf den Mund, bevor er die Haare genauer inspizierte. Dabei las er ihnen buchstäblich von den Lippen ab, welcher Haarschnitt, welche Farbe oder Behandlung ihnen vorschwebt. In den vergangenen Monaten wurde das aber immer schwieriger. „Mit der Maske im Gesicht, habe ich nicht verstanden, was sie wollten“, sagt der 58-Jährige, der seit seiner Kindheit gehörlos ist. Geholfen habe ihm da seine Mitarbeiterin. Bis zum 31. Oktober – da war nach 110 Jahren Schluss beim Friseursalon Hölle.

Corona-Krise nicht schuld ab der Aufgabe

An Corona, so unterstreicht der Friseurmeister, habe die Entscheidung zur Geschäftsaufgabe nicht gelegen. Auch, wenn die rosigen Zeiten seines Handwerks schon länger vorbei seien. „Es war immer ein Auf und Ab, in letzter Zeit mussten wir immer härter kämpfen“, sagt Hölle. Viel mehr wird er sich nun mehr um seine pflegebedürftigen Eltern kümmern, von denen er 1996 den Salon in der Hohenzollernstraße 68 übernommen hatte. Sein Sohn, ein Hörender, wollte den Betrieb nicht übernehmen. Für den Vater kein Problem – auch wenn mit ihm eine lange Geschichte zu Ende geht.

„Wir waren immer in der Nordstadt“, berichtet Hölle, der das Geschäft in dritter Generation führte. Gegründet worden war der Salon von seinem Großvater Franz Hölle 1910 an der Ecke Salier- und Kronprinzenstraße. Nach der Wirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg – in der Nacht vom 23. Februar waren die Geschäftsräume an der damals neuen Adresse, Güterstraße/Ecke Ebersteinstraße, völlig zerstört worden, weswegen man wieder umziehen musste. René Hölles Vater Rolf erinnert sich, dass der Betrieb damals in einer Wohnung im dritten Stock der Ebersteinstraße 26 nur schleppend wieder anlief. Die Kunden mussten Holz und Handtücher selbst mitbringen, wenn sie die Haare warm gewaschen haben wollten. Doch mit den Nachkriegsjahren kam das Wirtschaftswunder, das auch die Hölles erreichte, die – nach vielen Jahren an der Ebersteinstraße 12 – 1989 den Laden an der Hohenzollernstraße kauften.

Abendschule mit Übersetzung

„Ich hatte bis zuletzt viele Stammkunden, die noch zu meinen Eltern gekommen waren“, sagt René Hölle. Doch auch er selbst habe sich einen treuen Kundenkreis aufgebaut. Darunter viele Gehörlose, die auch von außerhalb Pforzheims zu ihm gekommen seien. Seine Lehre, so erinnert sich Hölle, sei aufgrund seiner Beeinträchtigung nicht immer einfach gewesen. Zum Meisterbrief schaffte er es mithilfe seines Vaters. „Er kam immer mit in die Abendschule und übersetzte mir, was der Lehrer sagte – ich hab ja nichts verstanden“, erinnert er sich.

Bis auf die für einen Gehörlosen besonders arbeitsintensiven Lehrjahre habe es aber im Berufsleben aufgrund seiner Einschränkung überraschend wenig Probleme gegeben. „Ich habe es den Kunden immer gleich am Anfang erklärt“, sagt er.

Ungewohnte Stille im Salon

Auf die Frage, ob manch einer nicht nur wegen seiner Haarschneidekunst, sondern auch wegen der ungewöhnlichen Stille im Vergleich mit den von Smalltalk geprägten Salons gekommen seien, lacht er nur. „Ich kann beim Arbeiten nicht viel reden, da ich ja auf die Haare schauen muss und keine Lippen lesen kann“, sagt das Vorstandsmitglied des Gehörlosenvereins Pforzheim. Diesem Amt will er sich auch künftig, neben der Pflege seiner Eltern, intensiver widmen.

Die Geschäftsräume übernimmt ein benachbarter Unternehmer. Für Hölle ein gutes Gefühl, der für sich den richtigen Abschluss gefunden hat. „Ich war jetzt 25 Jahre selbstständig – das ist ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören.“ Das Mobiliar hat er verschenkt, nur das Telefon, das klingelt noch immer. Eine Bandansage klärt über die Schließung auf. Am Ende steht der Dank an die Kunden, der Hölle persönlich wichtig ist. Ohne sie und die Mitarbeiter, sagt er, wären die 110 Jahre unmöglich gewesen.

Autor: lu