Jeden Tag Tod: Warum die 21-jährige Nina Nagel unbedingt Bestatterin werden wollte
Pforzheim. Pforzheim. Der Taschentuchspender auf dem Tisch im Beratungszimmer des Pforzheimer Bestattungshauses ist ledergebunden. Er gehört zum Handwerkszeug eines Bestatters, wie ein solider Sarg oder das Flüssigdesinfektionsmittel, um Verwesungsbakterien am Körper eines Toten abzutöten. Von der Abholung bis zur Aufbahrung erweist Nina Nagel Menschen „die letzte Ehre“. Sie ist 21 Jahre alt, Einserschülerin, und hat sich den Tod als ständigen Begleiter ausgesucht. Der PZ hat sie die Frage beantwortet: Wird man den nach Feierabend eigentlich wieder los?
Warum sich Nina Nagel für den Beruf der Bestatterin entschied
Die Menschen schreien, oder sie weinen, oder sie verschwinden gleich in ein anderes Zimmer, wenn sie kommen. Die Männer und Frauen in Schwarz. In jedem Haus und in jeder Wohnung, an der sie klingeln, werden sie von einem alten Bekannten erwartet. Von dem, der uns alle irgendwann hinüberbegleitet. Vor drei Jahren sieht Nina Nagel im Pforzheimer Bestattungshaus ihre erste Leiche, zumindest ihre erste berufliche, und erinnert sich heute daran, wie friedlich der Mann aussah. „Als würde er schlafen.“ Damals war sie Praktikantin und wusste schnell, wie auch Geschäftsführer Nick Köhler, dass der Job zu ihr passt. Aufgewachsen in Mühlacker, Abitur, Umzug nach Pforzheim, Ausbildung, 1,0-Abschluss: Nagel erzählt mit einer so beruhigenden Stimme von ihrem Leben, dass man nicht anders kann, als sich im Beratungszimmer an der Hachelallee sicher gebettet zu fühlen. Die Noten sind das eine, aber es brauche mehr für den Job, sagt Köhler. Einfühlungsvermögen. „Man muss herausfinden, was die Angehörigen wollen.“ Trauerpsychologie nennt man das. Nagel hatte von Beginn an ein Gespür für Menschen, die trauern. Manche sagen dazu Berufung.
Nagel strahlt eine unaufgeregte Begeisterung für diesen Job aus, hier im Bestattungshaus, das als einziger Betrieb in Pforzheim die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft anbietet. Auch wenn diese Entscheidung für Freunde ungewöhnlich und ihre Oma anfangs „überrumpelt“ war, weil sie aus einer Zeit komme, in der man nicht über den Tod gesprochen habe, sagt Nagel. Die Bedenken haben sich nach und nach gelegt. Nagel spricht gerne über den Tod. Ihre tägliche Aufgabe, tags und nachts, ist ihm Würde zu verleihen.
Das ist das Stichwort. Kommen den Bestattern beim Einsatz Gaffer zu nahe, stellen Einsatzkräfte Sichtschutzwände auf, um den Toten vor fremden Blicken zu schützen. Der Auftritt: Schwarzer Anzug, bedachtes Auftreten, ruhige Bewegungen. Die Würde ist es, was diesen Beruf ausmacht. Hätte der Mensch keine Würde, es gäbe keine Bestatter.
Wenn Einsätze emotional besonders belasten
Dabei spielt es keine Rolle, in was für einem teilweise würdelosen Zustand jemand aufgefunden wird. Nina Nagel sieht, was andere in ihrem Alter nicht sehen müssen. Menschen, die seit Monaten tot in ihrer Wohnung liegen, weil sie sich zeitlebens mit der Welt verkracht haben oder ihre Liebsten selbst längst tot sind. Die niemanden mehr hatten. „Die steigende Anzahl dieser Fälle ist wirklich traurig“, sagt Köhler. Der Geruch, der sich im Treppenhaus ausbreitet, ruft die Nachbarn auf den Plan. Während sich manche Einsatzkräfte dann die Nase zuhalten würden, so erzählt es Nick Köhler, nehme der Bestatter einen kräftigen Zug und sagt: „Ach, so schlimm ist es nicht.“ Man härtet ab. Was den Geruch angeht, und menschliche Schicksale.
Der Tod verändert den Blick aufs Leben
Schlimm wird es, wenn Kinder „gehen müssen“, sagt Nagel. Wenn man in Gedanken verloren geht, „was das kleine Wesen noch alles hätte erleben können“, sagt Köhler. Das bleibt im Kopf. Auch nach Feierabend. Im Team sprechen sie dann viel miteinander. Damit sie mit dem Unverständlichen umgehen können und Nina Nagel im Beratungszimmer Sätze sagen kann wie: „Man wird dankbar für die Dinge, die man hat.“
Links neben der Tür im Beratungszimmer an der Hachelallee ist eine Spielecke eingerichtet, wie man sie aus Wartezimmern beim Arzt kennt. Auf der anderen Seite des Raums kann man mit einer VR-Brille virtuell über den Hauptfriedhof zu seinem Grab spazieren. Dazwischen nimmt sich Nina Nagel, am Tisch mit dem Taschentuchspender, Zeit für ein ganzes Leben.
