Klinik Neuenbürg in Schieflage: Über die Existenz wird wohl Ende März entschieden
Neuenbürg/Mühlacker/Enzkreis. Für das kleine RKH Krankenhaus in Neuenbürg geht es um die Existenz. Politisch kommt es wohl Ende März zum Schwur. Derzeit wird noch hinter verschlossenen Türen um Zukunftskonzepte gerungen - für den unter Druck geratenen westlichen Standort und für das finanziell deutlich gesündere Schwesterkrankenhaus in Mühlacker. Beobachter suchen derweil weitere Gründe, warum das Neuenbürger Defizit derart schnell steigen konnte - und nehmen dafür auch die Strukturen in dem Krankenhaus selbst in den Blick. Die PZ hat die Situation noch einmal genauer unter die Lupe genommen.
Der Betrieb im RKH Krankenhaus Neuenbürg läuft. Auf den ersten Blick ganz alltäglich. Am kommenden Dienstag, 13. Januar, hält Professor Dr. Stefan Sell, der Ärztliche Direktor des dortigen Gelenkzentrums Schwarzwald, einen seiner bekannten Vorträge über konservative und operative Lösungen bei Knie- und Hüftbeschwerden. Doch seit bekannt ist, dass die Muttergesellschaft RKH Gesundheit für die 80-Betten-Klinik allein 2026 einen Verlust von rund 11 Millionen Euro erwartet, ist die Sorge um den Standort groß.
17 Millionen Euro betragen die befürchteten Verluste der Enzkreis-Kliniken fürs laufende Jahr. Doch die sind extrem ungleich verteilt. Für rund
11,3 Millionen Euro dieses Defizits ist das kleinere der beiden Krankenhäuser verantwortlich – der Standort in Neuenbürg. Mühlacker steht deutlich besser da, verzeichnet weiter leichte Patientenzuwächse und erfüllt die Ziele der Muttergesellschaft RKH.
Patienten verteidigen in Leserbriefen in der PZ die medizinische Arbeit in Neuenbürg. Mit dem Bürgermeister der Stadt, Fabian Bader, und dem FDP-Landtagsabgeordneten Erik Schweickert haben erste politische Akteure ihre Kampfbereitschaft demonstriert. Aus einem Kreistagsantrag der CDU spricht die Annahme, dass es in Neuenbürg mit einem Akut-Krankenhaus nicht weitergehen und die klinische Medizin am zweiten Enzkreis-Standort in Mühlacker konzentriert werden könnte. Diese Woche hat der Aufsichtsrat der Enzkreis-Kliniken nicht-öffentlich getagt. Und in zehn Tagen sollte der Kreistag Zukunftsideen in einer Sondersitzung öffentlich diskutieren. Doch das wird verschoben, wie Jürgen Hörstmann von der Pressestelle des Landratsamts auf PZ-Anfrage sagt. Voraussichtlich werden die Kliniken dort demnach am 26. März zum Thema.
Spannend ist es derzeit hinter den Kulissen. Über die Details sind alle Seiten zugeknöpft. Aber klar ist, dass bei derart tiefroten Zahlen nicht nur an kleinen Stellschrauben gedreht werden dürfte. Und: Durch die geringe Bettenzahl ist Neuenbürg schon strukturell als Standort benachteiligt. Hinzu kommt ein großer Sanierungsstau. Die RKH hatte in der Vergangenheit ein Modernisierungskonzept in der Schublade, das den Abriss des Altbaus vorsah, um ein zweites modernes Gebäude zu errichten – und vor allem den in die Jahre gekommenen OP-Bereich auf Vordermann zu bringen. Aus finanziellen Gründen hat die Umsetzung gestockt – mittlerweile liegt sie auf Eis.
Aber warum ist die Finanzlage besonders in den vergangenen Monaten so dramatisch abgestürzt, während sich die große Schwesterklinik in Mühlacker vergleichsweise gut schlägt? Darüber wird viel spekuliert. Und es gibt Beobachter, die mit den bisher öffentlich geäußerten Erklärungsansätzen nicht viel anfangen können.
Neuenbürgs Rathauschef Bader und Schweickert hatten, wie berichtet, auf das RKH-Argument reagiert, die Schließung der hausärztlichen Notfallpraxis durch die Kassenärztliche Vereinigung habe dem Krankenhaus viele Patienten gekostet. Beide hatten gegen das Praxis-Aus gekämpft und befürchten, einige Menschen hätten dadurch das davon völlig unabhängige Krankenhaus nicht mehr auf dem Schirm. Die Freie-Wähler-Fraktion im Kreistag, zu der Bader gehört, hatte im November eine Prüfung angestoßen, wie stark die Praxisschließung die Klinik beeinträchtigt habe.
Mittlerweile melden sich aber auch Beobachter zu Wort, die den Blick auf mögliche Ursachen innerhalb des Krankenhauses selbst richten. Der Aufbau des Gelenkzentrums habe statt eines Miteinanders mit der etablierten Grundversorgung, verbunden mit dem langjährigen Ärztlichen Direktor Dr. Wolfgang Rehm, dazu geführt, dass Bauchchirurgie und Innere Medizin immer weniger sichtbar geworden seien. Auch durch personelle Weggänge sei frühere Kompetenz in der Grundversorgung verloren gegangen. Rettungsdienste würden Neuenbürg seltener anfahren.
Im politischen Raum werden bereits Konzepte gesucht, wie ein Standort der Gesundheitsversorgung auf jeden Fall im westlichen Enzkreis gehalten werden könnte. CDU und FDP haben Altersmedizin als möglichen Schwerpunkt im Blick. Schweickert denkt dabei vor allem an eine Spezialisierung auf demenzkranke Patienten – inklusive weiterhin einer Chirurgie und Innerer Medizin.
