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Pforzheim -  19.06.2026
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Kündigungen und Polizei vor Ort: Renitente Seniorin terrorisiert Pforzheimer Pflegeheim

Pforzheim. Die alte Dame bespuckt, beschimpft rassistisch und schlägt das Pflegepersonal, schreit stundenlang auf ihrem Zimmer – so laut, dass es im ganzen Haus zu hören ist. Mehrmals in der Woche ruft sie die Polizei und behauptet, nicht gepflegt zu werden. So fasst Martina Höschler vom Heimbeirat einer Pforzheimer Einrichtung die Situation zusammen, in deren Folge die Pflegedienstleitung und weitere Pflegekräfte gekündigt hätten.

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Pflegearbeit stößt nicht immer auf Dankbarkeit bei Senioren. In einer Pforzheimer Einrichtung muss sich das Pflegepersonal von einer Bewohnerin rassistisch beschimpfen lassen. Trotz Anzeigen und Räumungsklage ist die Bewohnerin noch immer dort. Foto: picture alliance/dpa

Zu belastend sei die Arbeit mit der 88-Jährigen, die nicht mehr laufen könne, aber klar bei Verstand sei. Und das in einer Situation, in der die Mitarbeitenden ohnehin schon am Limit seien. Etliche Anzeigen wegen Körperverletzung seien gegen sie gestellt worden. Höschlers Mutter lebt in einem Zimmer schräg gegenüber der besagten Person. Deshalb ist die Tochter nicht nur als Heimbeirätin involviert, sondern auch als Angehörige.

Im Haus lebten zudem Menschen mit Demenz, die durch die Schreitiraden höchst nervös würden. Einmal seien alle Mitarbeitenden so intensiv mit dem Notruf der Seniorin beschäftigt gewesen, dass eine Insulinmessung vor dem Essen bei Diabeteserkrankten ausgefallen sei.Vor Monaten kam die renitente Frau mit einem höheren Pflegegrad nach einem Krankenhausaufenthalt neu in die Einrichtung. Ihr bisheriges Heim habe sie nicht mehr zurückgenommen. Höschler (58) und ihr Mitstreiter M. (54) wurden im August in den Heimbeirat gewählt. Seitdem befassen sie sich mit entnervtem Pflegepersonal, ratlosen Polizeibeamten und einem Heimleiter, der gegenüber der PZ keine Stellung beziehen darf. Die Kündigung des Pflegevertrags und auch die Räumungsklage seien laut Heimbeirat eingeleitet. Seit Wochen gehe es jedoch nicht voran. Der Leiter der Einrichtung sieht die Dringlichkeit des Handelns.

In Absprache mit dem Betreiber der Einrichtung mit rund 100 Plätzen, dem Pflegekonzern Korian, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme an die PZ: Für ein Haus sei es nicht einfach, sich in Fällen wie diesem, in denen mildere Mittel wie Gespräche keine Wirkung erzielt hätten, schnell von einer Bewohnerin oder einem Bewohner zu trennen. Die rechtlichen Hürden seien sehr hoch. Bewohnerinnen und Bewohner von Senioreneinrichtungen seien pflegebedürftige Menschen, die einem besonderen gesetzlichen Schutz unterstünden. Zunächst müsse eine Anschlussversorgung sichergestellt sein. Ob eine solche konkret vorhanden ist, dazu will sich Korian nicht äußern. Heimleitung und Konzern seien sich jedoch darüber im Klaren, dass die Belastung aufgrund der hohen rechtlichen Hürden so groß werden könne, dass Mitarbeitende kündigten. Dies sei derzeit nicht zu kompensieren. Der Heimbeirat hat in dieser Angelegenheit Briefe an den Konzern, die kommunale Heimaufsicht und das Regierungspräsidium verfasst. Bislang ohne Antwort.

In solchen Beschwerdefällen unterstützt bei Bedarf auch der Kreisseniorenrat Pforzheim Enzkreis Ratsuchende mit Gesprächen auf verschiedenen Ebenen, erklärt dessen Vorsitzender Frank Johannes Lemke. Fruchte das nicht, bedeute das für entnervte Bewohner im äußersten Fall den Wechsel in ein anderes Heim. In seiner Zeit als Caritasdirektor habe ein klares Beschwerdemanagement für Caritas-Einrichtungen gegolten, um die Anliegen aller Beteiligten zu verstehen und um zu klären, wo die Ursache der Beschwerde herrühre. Es habe in diesen Jahrzehnten weder in der Alten- noch Behindertenhilfe seines Wissens ein Vertrag seitens der Caritas aufgelöst werden müssen. Denn wenn die Aufnahme eines Pflegebedürftigen wohlüberlegt erfolge unter genauer Abklärung, was die Person an individueller Unterstützung brauche, dann sollten Kündigungen die absolute Ausnahme sein, schreibt Lemke. Der Druck auf die Pflegenden ist jedenfalls immens, trotz der von Korian angeführten Deeskalations- und Gewaltpräventionstrainings sowie Supervision. Trotz des Durchwechselns von Personal, das die betroffene Frau pflegen muss.

Eine erfahrene Pflegekraft berichtet gegenüber der PZ, wie demütigend der tägliche Umgang mit der Frau sei.

„Reihenweise brechen die Kollegen zusammen. Kommt man aus ihrem Zimmer, sitzen Kollegen am Boden und weinen. Eine Kollegin hatte nach der Pflege bei ihr direkt eine Gesichtsfeldlähmung. Andere haben gekündigt. Es ist kaum auszuhalten,“ beschreibt die seit über zwei Jahrzehnten in der Pflege tätige Frau.

Die Seniorin  kommandiere im Befehlston, ziehe die Körperpflege über Stunden und beschäftige dabei die Mitarbeitenden aller Stationen. Viele Mitarbeiter seien nach der Arbeit so kaputt, dass sie nur noch schlafen. „Viele träumen von dem Geschrei, haben Angst vor dem nächsten Tag und einige haben durch ihr Brüllen Ohrenpiepsen bekommen.“ Eine Kollegin bestätigt diese Schilderung. „Manchmal gehe ich rein und es fühlt sich an, als würde ich in einem Loch verschwinden.“ Und weiter: „Einmal hatte ich eine Panikattacke als ich bei ihr war und sonst träume ich auch oft von dieser Stimme.“ Ob der Arbeitgeber angesichts dieser massiven Übergriffe seiner Fürsorgepflicht gegenüber seinen Mitarbeitenden ausreichend nachkommt, ist offen. Heimbeirätin Höschler jedenfalls vermisst eine regelmäßige und engmaschige psychologische Betreuung der stark belasteten Mitarbeitenden im Haus. „Sie werden im Stich gelassen.“

Gewalt gegen Pflegende

Übergriffe auf Pflegepersonal sind kein Einzelfall: 70 Prozent der Pflegekräfte in Kliniken und Altenheimen berichten, selbst schon körperliche Gewalt oder verbale Übergriffe erlebt zu haben. Das hat eine Befragung der Landespflegekammer aus dem Jahr 2025 ergeben. Laut der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege haben 63 Prozent der Pflegekräfte in stationären Einrichtungen innerhalb von zwölf Monaten mindestens einmal nonverbale sexuelle Belästigung oder Gewalt erlebt – etwa Exhibitionismus. 69 Prozent wurden mindestens einmal verbal und 53 Prozent körperlich belästigt. Für Pflegekräfte, von denen es ohnehin zu wenig gibt, gibt es nach lange zermürbenden Gewalterfahrungen oft nur einen Weg aus der Krise: die Aufgabe ihres geliebten Berufs.

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