„Liebesspiele“ nach langer Abstinenz: Ballett begeistert im Theater Pforzheim mit zwei beachtenswerten Performances
Pforzheim. Endlich, endlich ist es wieder möglich, das sinnliche Theatererlebnis mit Künstlern auf der Bühne und Publikum im Zuschauerraum. In einem von Kontaktverboten geprägten Frühling ging es im Großen Haus um das, was am schönsten ist, in Zeichen von Corona aber auch gefährlich sein kann: um die Liebe.
Nach drei Monaten Abstinenz und der Entwicklung zahlreicher neuer Formate wie Digital- und Telefonangebote („Theater in der Leitung“) hatte das Theater am Freitag im Foyer mit „Broadwaylegenden“ den Echtbetrieb wieder aufgenommen. Der Musical-Abend war zuvor als digitale Theatersoiree in der Reihe „ReingeZOOMt“ aufgeführt worden.
Und nun ist es auch im Großen Haus wieder losgegangen – in verändertem Ambiente: Die Corona-Auflagen werden peinlichst befolgt, das Theater hat sich ein ausgeklügeltes Konzept einfallen lassen, um Zuschauern wie Künstlern ein Höchstmaß an Sicherheit bieten zu können. Auf alte, auf Nähe und Begegnung setzende Gewohnheiten heißt es zu verzichten, gefragt ist die Offenheit für ein distanzierteres, individuelleres Erleben.
Flexibilität und Kreativität sowie die Fähigkeit, neu, anders, um die Ecke und auch gegen den Strich zu denken gehören zum Beruf der Theaterleute, sind unverzichtbarer Bestandteil dessen, was und wie hier gearbeitet wird.
In ihrem „Liebesspiele“-Liederabend präsentierten die Künstler auf der romantisch mit Herzchen und Rosen geschmückten Bühne deshalb nicht einen Kessel Buntes, sondern setzten sich intensiv mit Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des schönsten menschlichen Gefühls auseinander. Locker moderiert wurde das abwechslungs- und spannungsreiche Programm von Musikdramaturgin und -pädagogin Christina Zejewski, die auch das Konzept des Abends entwickelt hatte.
Begleitet von Immanuel Karle am Klavier sangen Stamatia Gerothanasi (Sopran), Elisandra Melián (Sopran) und Dirk Konnerth Tenor) Arien und Duette aus der Oper „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss und aus den Operetten „Giuditta“ (Franz Léhar) und „Wiener Blut“ (Johann Strauss, Sohn). Man merkte den bestens disponierten und aufgelegten Akteuren die Freude darüber an, wieder auftreten zu können, bei Dirk Konnerth war gar eine Spur Lampenfieber bemerkbar.
Zwischen die Gesangsstücke streute Schauspieler Alexander Doderer Gedichte aus 400 Jahren, die sich analytisch (Paul Fleming), humorvoll-realistisch (Erich Kästner), romantisch (Joseph Eichendorff), drastisch (Johann Wolfgang Goethe) oder schlicht bezaubernd (W. A. Mozart) mit romantischer und sinnlicher Liebe, mit Treue und Untreue, und den Gefahren von Alltag und Gewohnheit befassten.
In „Nothing compares 2U – An infinite path between platonic love“ zeigten Willer Gonçales Rocha und BaeHyeon Woo in absolut synchronem Tanz wie durch seelischen Gleichklang eine intensive Beziehung ohne körperliche Berührung entstehen kann. Der leere Raum zwischen den Tänzern war hier spürbarer Bestandteil der Choreographie, quasi der dritte Tänzer.
Die Highlights des Abends aber waren die Uraufführungen von zwei überaus beachtenswerten Ballett-Performances. Stella Covi und Selene Martello beschreiben in „Mark“ in vier sich steigernden Bildern, was passiert, wenn zwei Frauen denselben Mann lieben. Von der ersten Kontaktaufnahme über erregtes Gegacker am Telefon, plötzliche Eifersucht, sich steigernde Spannungen bis zu aggressivem Geschrei beim Kampf um den Mann, entstand ein exzellent getanztes, großes Beziehungsdrama in kleinem Format.
