Mehr als jede zweite Rezension verschwunden: So lassen Pforzheimer Restaurants Google-Bewertungen löschen
Pforzheim. Für viele ist ein Blick auf Google die erste Aktion bei der Suche nach einem Lokal. Doch eine Frage dabei bleibt immer unbeantwortet: Welche Kritik ist echt, welche gefälscht und welche wurde einfach gelöscht? Vor einigen Wochen dann die große Neuerung: Neben den Google-Bewertungen steht nun, wie viele davon in den vorherigen 356 Tagen gelöscht wurden – allerdings nur die wegen Diffamierung. Die Erkenntnis daraus: Manche Restaurants aus Pforzheim entfernen über die Hälfte der Rezensionen – im Internet werden solche Unternehmen als „Löschkönige“ bezeichnet. PZ-news hat sich Bewertungen von rund 200 Gastro-Betrieben angeschaut und ausgewertet. Bei drei Restaurants, die besonders viele Rezensionen oder einen prozentual großen Anteil gelöscht haben, hat PZ-news nachgefragt, warum gerade sie von so vielen Diffamierungen betroffen sind.
„König Kebab“ an der B10 hat 23 Rezensionen insgesamt, 17 davon aus den vorherigen 365 Tagen. Weitere 21 bis 50 Bewertungen wurden gelöscht – genauer wird Google nicht. Für „König Kebab“ heißt das: Mindestens jeder zweite Kommentar wurde entfernt. Trotzdem liegt der Laden bei 3,3 von 5 Sternen. Das ist vergleichsweise eher unterdurchschnittlich.
Betreiber Fawzi Yahya löscht laut eigener Aussage nur die, die Unwahrheiten verbreiten. „Jeder kann alles schreiben“, sagt er entrüstet. Einmal jährlich lässt er die Kommentare löschen. Vor ein paar Wochen war es wieder so weit. Kostenpunkt: 200 Euro.
Löschen leicht gemacht
Im Internet werben Lösch-Anbieter mit Sprüchen wie „Unfaire Google-Bewertungen schrecken Kunden ab. Wir helfen Ihnen.“ oder „Negative Google-Bewertungen im Netz schaden Ihrer Reputation. Und Ihrem Umsatz.“
Wie genau am Ende abgerechnet wird, ist unterschiedlich, doch eines steht fest: Die Löscherei kostet nicht wenig. Manche Firmen nehmen 29,90 Euro pro entfernter Bewertung, andere 49 Euro. Websites mit Löschbegründungsgeneratoren für 199 Euro versprechen „eine von Google anerkannte Löschbegründung“. Wer noch mehr zahlen will, kann 98 Euro je Google-Bewertung ausgeben und erhält dafür Gespräche mit Experten, Einschätzungen und eine Bearbeitung in weniger als 24 Stunden. Zahlen, wie viele diese Dienste in Anspruch nehmen, gibt es keine.
Das „Palm Beach“ auf der Wilferdinger Höhe hat 3022 Bewertungen, rund 170 davon aus den vorangegangen 365 Tagen, über 250 weitere haben sie gelöscht – auch hier wird Google nicht genauer. Für Darius Sherif, Sohn des Geschäftsführers, steht fest: Das seien die Konkurrenz und Leute, die das Restaurant schlechtreden wollen. Seit 20 Jahren gebe es das „Palm Beach“, seitdem gebe es auch immer wieder schlechte Rezensionen.
Um sie im Griff zu halten, haben sie ein Unternehmen beauftragt, das die Bewertungen löscht. Wie viel es kostet, möchte Sherif lieber nicht sagen. Auf die Frage, warum gerade das „Palm Beach“ von so vielen Diffamierungen in Pforzheim betroffen ist, antwortet er nicht und beendet das Gespräch.
Gefälschte Rezensionen
Fake-Reviews sind schnell zu machen, denn jeder kann eine schreiben. Man muss nicht angeben, ob eine Lokalität tatsächlich besucht wurde. So kann eine Person auch mehrere Rezensionen für ein Unternehmen verfassen, auch wenn dort nie etwas gegessen wurde – sie muss dafür nur mehrere Google-Konten erstellen. Google selbst betont auf PZ-Anfrage, dass ein Großteil dieser Beiträge erst gar nicht als Rezension erscheine, sondern sofort gelöscht werde.
Google schreibt dazu auf seiner Website: „Alle Beiträge bei Google Maps müssen auf Erfahrungen beruhen, die tatsächlich an einem Ort oder mit einem Unternehmen gemacht wurden. Rezensionen und Bewertungen müssen auf tatsächlichen Erfahrungen mit einem Unternehmen beruhen und authentisch und unvoreingenommen sein.“
Wie genau kontrolliert wird, ob ein Beitrag auf realen Erlebnissen basiert, ob er Spam ist oder sonst ein anderer, unangemessener Inhalt, dazu äußert sich Google auf PZ-news-Anfrage nicht.
Unerwünschte Beiträge zu löschen, nimmt in Deutschland fast volkssport-ähnliche Züge an. Laut einer EU-Transparenzdatenbank wurden im Jahr 2025 1.378.518 Löschanträge wegen Diffamierung auf Google Maps gestellt. 99,97 Prozent kamen dabei aus Deutschland.
Und nicht nur negative Rezensionen lassen sich so fälschen: Auch positive Bewertungen sind leicht zu erstellen und im Internet gibt es genügend Unternehmen, die daraus ein Geschäftsmodell gemacht haben. Fünf Bewertungen kosten dabei rund 60 Euro.
Teures Gegensteuern
Ein Blick zu „Altin Sofra“ in der Jörg-Ratgeb-Straße. 4,7 Sterne. Von 971 Bewertungen sind rund 90 aus den vorangegangenen 365 Tagen. Über 250 weitere sollen laut Google gelöscht worden sein. Größtenteils Fake-Rezensionen, sagt Besitzer Siyabend Arilcan. Der 22-Jährige hat vor drei Jahren das Restaurant von seinem Vater übernommen. „Da stand, die Nudeln hätten nicht geschmeckt, aber wir verkaufen gar keine Nudeln“, sagt der junge Unternehmer. Die Rezensionen habe er vor ein paar Monaten von einer Firma löschen lassen, die sich bei ihm gemeldet hatte. Genau zum richtigen Zeitpunkt, denn er sei sowieso auf der Suche nach einem passenden Dienstleister gewesen. Wie viel die Löschung gekostet habe, möchte Arilcan nicht verraten. Nur eines: „Günstig war es nicht.“
Warum sein Restaurant so viele falsche Rezensionen abbekommt? „Bei den anderen ist es auch so“, sagt der 22-Jährige. Nur würden die nichts dagegen unternehmen – anders als er. Als gelernter Vertriebler wisse er, was wichtig ist. Dazu gehören auch Google-Rezensionen. Nach der Großlöschaktion ist er jedenfalls zufrieden: „Jetzt habe ich eine richtige Bewertung.“
Bitte bewerten
Wie wichtig Google-Rezensionen sind, weiß auch Florin-Bogdan Aluculesei vom Restaurant „Rustico“ im Altstädter Kirchenweg, das er zusammen mit seinem Bruder führt. Über 170 Mal wurde das „Rustico“ dieses Jahr schon bewertet. Nur sechs bis zehn dieser Bewertungen sollen die Brüder entfernt haben lassen und stehen damit im klaren Gegensatz zu den „Löschkönigen“.
Aluculesei spreche die Kunden oft an, eine Bewertung zu hinterlassen. Falls sie Kritik haben, gehe er darauf ein. Die gelöschten Bewertungen kämen von der Konkurrenz und einem verärgerten Nachbarn, der bei einem Unfall mit Aluculesei nicht die Versicherung einschalten wollte, sagt der 36-jährige Rumäne. Löschen ließ er sie über die Google-Website, was allerdings ewig gedauert hätte. Ihn ärgert, dass so schnell falsche Gerüchte über sein Restaurant im Internet verbreitet werden können, während es so lange dauert, sie zu löschen.
Viel wichtiger als Google-Bewertungen sei allerdings Mundpropaganda, sagt Aluculesei, der bereits 15 Jahre Gastroerfahrung vorweisen könne. Über 50 Prozent seiner Gäste kämen deshalb, schätzt er grob über den Daumen. 15 Prozent der Besucher würden über Google ihren Weg ins Restaurant finden.
Wie er es schafft, dass er so viele gute Bewertungen – immerhin 4,9 Sterne bei 295 Rezensionen – bekommt? Hochwertige Zutaten und gutes Essen, sagt Aluculesei. „Wenn die Qualität nicht stimmt, kannst du nach drei oder vier Jahren zumachen.“ Da helfe auch die beste Bewertung nichts.
