Gemeinden der Region
Pforzheim -  25.10.2024
Artikel teilen: Facebook Twitter Whatsapp

Mr. Innenstadt: Unterwegs mit dem neuen Insider der Pforzheimer Fußgängerzone

Pforzheim. Immer mehr Händler in Pforzheim geben auf, immer mehr Schaufenster sind leer. Doch einige trotzen dem Trend und eröffnen Läden, setzen Zeit und Geld aufs Spiel. Wer sind sie, was treibt sie an und was haben sie gemeinsam? Kaum einer kennt die Innenstadt so gut wie Finanzberater Akadir Deniz – er muss es wissen. 

Akadir Deniz kommt eigentlich aus Bayern, aber kennt die Pforzheimer Innenstadt so gut wie kaum jemand.
Akadir Deniz kommt eigentlich aus Bayern, aber kennt die Pforzheimer Innenstadt so gut wie kaum jemand. Foto: Röhr

Wenn der gebürtige Bayer mit Wurzeln in der Türkei durch die Pforzheimer Fußgängerzone läuft, muss er immer wieder stehenbleiben. Ständig wird er erkannt, schüttelt Hände, winkt in Schaufenster. Akadir Deniz ist weder berühmt, noch Politiker, Künstler oder oft in der Zeitung. Der 29-Jährige ist angehender Finanzberater – und während manche das Ende der Innenstadt prophezeien, beginnt seine Geschichte gerade erst.

Opa der Luftwaffengeneral

1994 machten sich seine Eltern mit seiner älteren Schwester auf den Weg Richtung Westen. Die politische Lage in Südostanatolien war angespannt und ist es heute noch. In Deutschland bekam die kurdische Familie Asyl. Ein Jahr später wurde er im oberpfälzischen Schwandorf geboren. Heute sagt er, die Schönheit dieser Region könne nur verstehen, wer sie selbst einmal gesehen habe.

Die ersten Jahre lebte die Familie im Flüchtlingsheim. Deutschland war für sie eine Chance – und das Ehepaar Groß half, sie zu nutzen: er General bei der Luftwaffe, sie Hausfrau. Warum sich das Paar um seine Familie kümmerte, zu Festen einlud und mit ihm und seiner Schwester Hausaufgaben machte, kann Deniz nicht sagen. Ein Kind hinterfragt vielleicht nicht so viel. „Sie haben sich uns einfach angenommen, und wir haben sie dann irgendwann Opa und Oma genannt.“ Vor 17 Jahren dann der Umzug nach Pforzheim. Deniz‘ Vater hatte mittlerweile Verwandte und Bekannte hier, und seine Sehnsucht nach Gesellschaft zog die Familie weg aus der Provinz.

Die Magnetwirkung der Großstadt: Hat sich eine größere Gruppe bereits niedergelassen, folgen weitere. Früher waren es in Pforzheim vorrangig Kurden, heute Rumänen. Nach dem Hauptschulabschluss machte Deniz eine Lehre zum Anlagenmechaniker und arbeitete sieben Jahre in der Medizintechnik – bis er mehr wollte und vor zwei Jahren eine Ausbildung zum Finanzberater begann.

Eine Gemeinsamkeit haben sie

In ganz Europa schließen inhabergeführte Geschäfte, während die Konkurrenz im Internet wächst. Stadtsoziologe Frank Eckardt sagt im PZ-Gespräch, dass Menschen in Zukunft nicht mehr zum Einkaufen in die Stadt gehen werden und wir das Konzept „City“ umdenken müssen. In Pforzheim öffnen trotzdem immer wieder neue Läden, mit Geschäftsmodellen, die nicht auf Studium, Kontakte oder Erbe bauen, sondern auf der Motivation, es zu etwas zu bringen: „The Pforzheim dream.“ Sie richten sich an Kunden mit knappem Budget, die nicht in Karlsruhe oder Stuttgart shoppen, und bieten vor allem Dienstleistungen an – oder Produkte, die man schnell braucht und nicht online kaufen möchte. Fast der Betreiber alle teilen eine Gemeinsamkeit: den Migrationshintergrund.

Jeder fünfte Migrant ist eigener Chef

Laut dem „Global Entrepreneurship Monitor“ gründen Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland häufiger: Jeder Fünfte machte sich 2023 mit einem Unternehmen selbstständig, ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu 2020. Mit einer Gründungsquote von 19,9 Prozent sind sie mehr als doppelt so aktiv wie Menschen ohne Migrationsgeschichte (8,3 Prozent).

Einer von ihnen ist der 33-jährige Hani Ahmad. Er ist seit Anfang des Jahres Inhaber von „Babacut“ an der Rossbrücke, beste Lage, lange Geschichte, mehrere Betreiberwechsel. Er stammt aus einer Friseurdynastie und führte bereits in Bagdad einen eigenen Laden. Scheren und Rasierer ließ er im Irak zurück, den er wegen der Terrorgruppe „IS“ verließ. Die Idee, wieder einen eigenen Laden zu eröffnen, brachte er mit.

Die Löffeldiskussion

Es ist 10 Uhr morgens. Nach und nach kommen Ahmads Mitarbeiter im Laden an und bereiten sich eine Tasse Kaffee am Vollautomaten neben dem Tresen zu. Es wird über die zu großen Teelöffel diskutiert. Für deutsche Verhältnisse sind sie schon ziemlich klein. Akadir Deniz sitzt auf einem der schwarzen Kunstledersessel, in denen sonst die Kunden warten. Das ist so ein „Südländerding“, sagt er und kommentiert die Löffeldiskussion. Die seien hier immer zu groß. „Die mögen die kleinen orientalischen Teelöffel einfach lieber.“ „Südländer“, diesen Begriff nutzt Deniz oft.

So nennt er sich, seine Kunden und manche Freunde. Mit ihm erklärt er, warum bei Türken, Kurden, Arabern manches anders laufe. Warum Familie wichtig ist oder Geschäftsentscheidungen manchmal aus dem Bauch heraus getroffen werden. Aber er nutzt das Wort nicht, um sich abzugrenzen. „Wir“ oder „die“. Deniz scheint dafür viel zu tief in beiden Kulturen und Gesellschaften verwurzelt zu sein, die er – so wirkt es – mühelos zu seiner eigenen verwoben hat.

Friseur Hani Ahmad ist ein leiser und herzlicher Typ. Wenn er mal nicht weiterweiß, ihm ein deutsches Wort nicht einfällt, lächelt er die Situation weg.

Früher war der zweite Friseurstuhl neben dem Eingang seiner. Als sein Chef den Laden aufgab und ihn fragte, ob er das Geschäft übernehmen wolle, überlegte er nur kurz.

Hohe Fluktuation

Die Fluktuation der Geschäftsinhaber in der Innenstadt sei, auch wenn der Laden von außen der Gleiche bleiben würde, sehr hoch, sagt Deniz. Wer scheitert und einen Nachfolger sucht, werde schnell fündig. So war es auch bei „Babacut“. Viele der neuen Generation Selbstständiger waren bereits in ihrem Herkunftsland unternehmerisch aktiv und zeigen eine hohe Risikobereitschaft – „und was hat man auch zu verlieren, wenn man bereit war, sein altes Leben aufzugeben, oder vom Krieg dazu gezwungen wurde?“, sagt Deniz.

Rundumbetreuung

Nach seiner Übernahme wechselte Hani Ahmad dann den Friseurstuhl. Jetzt schneidet er auf Platz Nummer eins direkt am Eingang die Haare seiner Kunden. Sie heißen Sven, Murat, Paul – oder Akadir. Er ist schon länger Stammkunde bei Ahmad und wurde von ihm gleich zu Beginn seiner Selbstständigkeit gefragt, was die ganzen Briefe bedeuten und was er als Nächstes tun müsse – seitdem ist Deniz sein Berater, er regele alles für Ahmad. Man könnte sagen, er nimmt ihn an die Hand.

Denn seine Art zu arbeiten, sagt Deniz, bestehe nicht daraus, mehrere Optionen für eine Versicherung zu präsentieren, und der Kunde wähle nur aus. Es sei vielmehr eine Rundumbetreuung. Er ist Übersetzter (Bürokratiedeutsch oder Kurdisch zu Deutsch), Seelsorger – und eben noch Finanzberater. Vertrauen ist in Deniz´ Branche ebenso wichtig wie Wissen über die besten Betriebshaftpflichtversicherungen oder wie Einkommensteuer funktioniert. Vertrauen ist der Grund, warum so viele Menschen in Pforzheim seine Beratung suchen. Allein im Stadtgebiet sind es schon ein Dutzend – doch Deniz arbeitet nicht nur allein.

Ökosystem Innenstadt

Mit ihm auf einem der Kunstledersessel bei „Babacut“ sitzt Miguel König. Er ist der Chef von Deniz, der bei seinem Unternehmen „FIINS“ seine Ausbildung zum Finanzberater absolviert. König machte sich früh selbstständig, hat vor drei Jahren eine Firma gegründet, dann weitere gekauft. Versicherungen, Investment, Beratung.

Auch er ist Quereinsteiger und eigentlich ausgebildeter Werkzeugmechaniker. „Was Sicheres“, wie es seine Eltern wollten. Der 25-Jährige sagt, in seiner Branche gehe es nicht nur darum, alle Verträge, Daten und Zahlen im Kopf zu haben – man müsse offen, kommunikativ und neugierig sein. Flexibel, authentisch und ehrgeizig. In Deniz sieht er das. Früher waren sie nur lose Bekannte, bis Deniz Interesse an einem Job bei „FIINS“ zeigte. König zögerte nicht. Im Sommer 2025 schreibt Deniz seine Prüfungen.

Am unteren Ende des Schlossbergs betreibt Ramazan Arslan den Dönerladen „Class 49“. Übernommen hat er den Laden von seinem Vater. Jeder, der einmal in den goldenen Zeiten der Clubs „Sägewerk“ und „Salt &“Pepper“ in dem Quartier gefeiert hat, kennt seine Döner. Der 33-Jährige sagt, dass ihn das Clubsterben in Pforzheim sehr treffe. Generell sei es schlecht für den Umsatz, dass so viele Geschäfte schließen. Am Tresen klebt ein Bild von Deniz im Anzug und seiner Nummer. „Werbung“, lacht Arslan, während er Teig-Rohlinge knetet.

Klar, er wisse vom Schwarzgeld

Deniz hält es für falsch, den Dönerladenbetreibern die Schuld am Niedergang der Innenstadt zu geben. Trotz schwieriger Bedingungen investieren sie Zeit, Geld und belebten die Stadt. „In jedem Fall besser als leere Schaufenster.“ Er betont, dass Branchen voneinander abhängen und der Verlust der Clubszene am Schlossberg oder die Galeria-Schließung auch andere treffe.

Deshalb sehe auch er das Gleichgewicht in der Stadt bedroht. Außerdem: Es gebe natürlich auch Unternehmer ohne Leidenschaft und Know-how. Manche, die Schwarzgeld machten und langfristig der Stadt und sich selbst schaden würden. Sie scheitern oft, sagt Deniz, weil sie um jeden Preis selbstständig sein wollen „und denken, „Chefsein“ ist ein Selbstläufer“. Wenn sie dann aufgegeben haben, kommt ein Neuer, der sein Glück versucht. Das ist sicher.

Laut KfW-Gründungsmonitor 2018 bevorzugen 38 Prozent der Migranten den Weg in die Selbstständigkeit, verglichen mit 29 Prozent in der Gesamtbevölkerung. Entscheidende Gründe sind ihre höhere Risikobereitschaft und Vorbilder aus der eigenen Kultur. Und so ging der Gründung eines Goldladens gegenüber des Galeria-Gebäudes auf eine lange Familientradition im Edelmetallhandel in der Türkei zurück.

Goldene Zeiten?

2002 kam Leyla Adirbelli aus Anatolien nach Deutschland. Seit einem Jahr leuchtet ihr Name in der Fußgängerzone umrahmt von LED-Bändern. „Leyla Gold“. Ihr Sohn Necirvan Adirbelli hat seinen Laden nach ihr benannt. Gold sei eine Geldanlage und vor allem: Man kaufe es lieber in einem Laden, als im Internet, sagt er. Deshalb glaube er an seine Idee und an eine Zukunft in der Fußgängerzone. Außerdem habe er jeden Cent in den Laden gesteckt – es muss klappen.

Als Deniz das Geschäft betritt, schickt ihn der Inhaber hinter den Tresen. Einen Tee machen. Man kennt sich. Deniz sagt, es gebe nichts Komplizierteres, als einen Goldhändler zu versichern. Dabei klingt er so, als reize ihn die Herausforderung. Wenn auch nur eine Vorschrift missachtet werde, zahlt im Versicherungsfall niemand. Adirbelli zeigt stolz auf die neuen Schaufenster, die Kameras, das Rolltor aus Metall. Wieder auf der Straße.

Deniz bleibt gleich stehen, wird erkannt und schüttelt Hände. In diesen Momenten wirkt Pforzheim so klein. Aber man dürfe sich nicht täuschen lassen, sagt Deniz. „Es gibt noch viel zu tun!“

Autor: Leon Malik Koß

VG WORT Zählmarke