Gemeinden der Region
Enzkreis -  15.10.2020
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Müll-Revolution im Enzkreis? Unsichere Zukunft der grünen Tonne

Enzkreis. Es käme einer Revolution des seit Jahrzehnten gewohnten Abfallsystems gleich, sollte die im Raum stehende Idee umgesetzt werden: Im Enzkreis sowie im Kreis Ludwigsburg gibt es konkrete Überlegungen, die grüne Tonne rund, also die Glastonne, abzuschaffen und gegen ein neues Sammelsystem auszutauschen.

Die bisherige grüne Tonne hat im Enzkreis bald ausgedient. Foto: PZ-Archiv/Ketterl
Die bisherige grüne Tonne hat im Enzkreis bald ausgedient. Foto: PZ-Archiv/Ketterl

Dies würde bedeuten, dass sich Hunderttausende Bürger in der Region umstellen müssten und sie ihr Glas künftig beispielsweise in Sammelboxen aufbewahren, bis es schließlich abgeholt wird. Oder sie müssen es umständlich selbst zu Glascontainern fahren.

Hintergrund der Überlegungen ist nach PZ-Informationen, dass das Duale System Deutschland, auch bekannt als „Grüner Punkt“, höhere Wiederverwertungsquoten anstrebt, wie sie im neuen Verpackungsgesetz gefordert werden. Diese seien mit dem bisherigen System nicht oder nur schwer realisierbar. Entsprechende Anfragen der PZ ließ das Duale System bislang jedoch unbeantwortet.

Gespräch hinter verschlossenen Türen?

Wie es nun weitergeht, liegt auch in der Hand der entsprechenden Kreistage. Nach PZ-Informationen soll es am Donnerstagabend in Ludwigsburg zu einem Gespräch hinter verschlossenen Türen kommen, bei dem die verschiedenen Möglichkeiten erörtert werden. Schon jetzt ist klar, dass die Fraktionen konkrete Vorstellungen haben, wie die Abfall-Entsorgung in der Region künftig geregelt ist.

"Wir wollen unseren Bürgern den bisherigen Service weiterhin bieten und werden uns dafür einsetzen, dass keine Glascontainer irgendwo in den Enzkreiskommunen herumstehen und früher oder später für Ärger sorgen oder gelbe Säcke zu Hause gelagert werden müssen, die dann auf Parkplätze entsorgt werden."

Werner Henle, FWV

„Die grüne Tonne im Enzkreis ist seit mehr als 25 Jahren ein Erfolgsrezept und sollte beibehalten bleiben“, so die Kernaussage der FWV. Deren Sprecher Werner Henle schreibt der PZ, wer das bisherige System einmal verinnerlicht habe, möchte es nicht mehr missen. Der Fraktionssprecher, zugleich Bürgermeister der Gemeinde Ötisheim, stellt klar: „Wir wollen unseren Bürgern den bisherigen Service weiterhin bieten und werden uns dafür einsetzen, dass keine Glascontainer irgendwo in den Enzkreiskommunen herumstehen und früher oder später für Ärger sorgen oder gelbe Säcke zu Hause gelagert werden müssen, die dann auf Parkplätze entsorgt werden.“ Schließlich landen in den Glastonnen nicht nur Flaschen, sondern beispielsweise auch Plastikbecher.

"Wir sind der Auffassung, dass die grüne Tonne bei uns im Enzkreis auch weiterhin Teil der Abfallentsorgung sein sollte."

Erik Schweickert, FDP

Die FDP-Kreistagsfraktion ist ebenfalls der Auffassung, dass sich die grüne Tonne im Enzkreis bewährt hat. „Dies gilt sowohl im Hinblick auf die Funktionalität der Mülltrennung als auch der Nutzerfreundlichkeit. Wir sind deshalb der Auffassung, dass die grüne Tonne bei uns im Enzkreis auch weiterhin Teil der Abfallentsorgung sein sollte“, sagt Fraktionschef Erik Schweickert.

Thomas Fink von der AfD weist darauf hin, dass „gegenüber den in Pforzheim praktizierten gelben Säcken das System „Rund“ des Enzkreises schon aus „hygienischen und praktischen Gründen ein klarer Fortschritt“ gewesen sei. „Zu den Säcken darf es kein Zurück geben.“ Er sagt aber auch: Der Enzkreis und der Kreis Ludwigsburg seien die einzigen „Inseln in der Bundesrepublik“, in denen das „System rund“ noch betrieben werde. Der Rest der Republik habe sich für den „leider weniger bürgerfreundlichen Weg entschieden, das Glas getrennt sammeln zu lassen“.

"Zu den Säcken darf es kein Zurück geben."

Thomas Fink, AfD

Den hiesigen Sonderweg könne man nicht ewig beschreiten, „daher wird sich die AfD-Fraktion im Kreistag der Umstellung trotz des Mehraufwandes für den Bürger nicht entgegenstellen“, so Fink. Man wolle die Umstellung aber möglichst optimal gestalten: So solle die Müllgebühr reduziert werden und es sei darauf zu achten, dass künftig kleinere grüne Tonnen bereitgestellt würden (ähnlich der Biotonnen) und Glascontainer auf Parkplätzen der Supermärkte bereitstünden. Sammelboxen für jeden Haushalt seien für ältere Menschen schwer zu handhaben und bei Abholung zudem eine Stolperfalle auf dem Bürgersteig.

"Wir sind zusammen mit Ludwigsburg damit die Einzigen deutschlandweit und so ist es für mich auch klar, dass wir dies in der Verhandlung mit dem Dualen System auf Dauer nicht halten können."

Hans Vester, SPD

„Wir haben hier im Enzkreis im Verhältnis zu anderen Gebieten ein sehr gutes Entsorgungs-System der Wertstoffe, was wir natürlich nur sehr ungern verlieren“, so Hans Vester (SPD). Ähnlich wie die AfD sieht er aber auch Probleme: „Wir sind zusammen mit Ludwigsburg damit die Einzigen deutschlandweit und so ist es für mich auch klar, dass wir dies in der Verhandlung mit dem Dualen System auf Dauer nicht halten können.“ Wichtig sei, so Vester, dass das Folgesystem bezüglich Sauberkeit und Abholkomfort weitgehend dem jetzigen Zustand entspricht. „Ich möchte weder Mülltüten auf der Straße noch vermehrt Wertstoffe im Restmüll“, betont Vester.

Kämpferisch präsentiert sich die CDU-Kreistagsfraktion: „Wir wollen das bewährte Holsystem ohne Abstriche beibehalten“, sagt Fraktionssprecher Günter Bächle. Dazu gehöre, dass das Altglas weiterhin bei Haushalten und Betrieben abgeholt werde.

"Wir wollen das bewährte Holsystem ohne Abstriche beibehalten."

Günter Bächle, CDU

„Unbedingt müssen wir die Verunstaltung unserer Ortskerne und Wohngebiet durch die Aufstellung weiterer Altglas-Container verhindern. Von der bis jetzt bekannten Alternative mit Varianten wie Sammelboxen für Altglas sind wir nicht überzeugt, allerdings fehlen auch noch Informationen darüber.“ Ziel der CDU sei es, die bestmögliche Lösung für die Bürger sowie ein bequemes und kundenfreundliches Sammelsystem zu sichern, ohne dass zusätzliche Abfalltonnen von den Haushalten aufgestellt werden müssen. „Wenn dies nicht gesichert ist, lehnen wir die Verträge mit dem Dualen System ab“, stellt Bächle klar.

Vorsichtiger agiert Joachim Wildenmann von den Grünen: „Die ersten Informationen, die wir erhalten haben, sind bisher noch nichtöffentlich. Gerne beziehen wir Stellung, wenn das möglich ist.“

"Für uns wird an erster Stelle stehen, dass Bedenken ernst genommen werden, nach besten Lösungen gesucht wird und erst dann im Sinne der Bürger entschieden wird."

Joachim Wildenmann, Grüne

Die momentan zu hörenden Vermutungen beruhten auf unsicherer Datenlage und würden eine hilfreiche Auseinandersetzung nicht zulassen, sagt Wildenmann. „Wenn es zu Veränderungen im genannten Bereich kommt, wird der Kreistag darüber öffentlich diskutieren und entscheiden. Für uns wird an erster Stelle stehen, dass Bedenken ernst genommen werden, nach besten Lösungen gesucht wird und erst dann im Sinne der Bürger entschieden wird.“ Klar sei: „Mehr Lärmbelästigung will niemand.“