Nach Klinik-Aus: Neuenbürg plant Zukunft mit Medizinischen Versorgungszentren
Enzkreis. Nach dem Krankenhaus-Aus geht es um den MVZ-Ausbau. Doch wie kann der aussehen? Und drohen Hürden wie in Bad Wildbad oder Vaihingen?
Als die Schlacht um den Erhalt des Neuenbürger Krankenhauses am 26. März im Kreistag verloren ist und Bürgermeister Fabian Bader nur neun weitere Unterstützer für einen weiteren Klinik-Betrieb an seiner Seite hat, bleibt dem Rathauschef keine Zeit zurückzublicken.
Denn bei der nächsten Abstimmung geht es bereits um Zukunftsperspektiven: eine Erweiterung des Krankenhauses in Mühlacker – und um den Aufbau von Medizinischen Versorgungszentren in Neuenbürg. Baders Freie-Wähler-Fraktion erreicht dabei noch, dass die erste Standortoption für das künftige ambulante Zentrum das Klinikgelände in der Stadt sein soll. Dafür heben am Ende alle Kreisräte die Hand.
Zwei Wochen später hat Bader den Kopf wieder frei, nach vorne zu schauen. „Die Entscheidung ist jetzt so, wie sie ist“, sagt er, „wir müssen jetzt möglichst schnell in die Arbeit am Zukunftskonzept kommen.“ Denn eines wäre für den Rathauschef ein Horrorszenario: dass das Krankenhaus wohl Ende September schließt und es danach monatelang nicht weitergeht mit der neu ausgerichteten Gesundheitsversorgung. „Das können wir uns nicht erlauben“, sagt Bader und macht klar, dass er an dem Thema so dranbleibt wie zuvor beim Kampf um den Klinikerhalt.
Schaut man in die weitere Region, sieht man, dass die ambulante Zukunft nach einer Krankenhausschließung kein Selbstläufer ist. Ob in Bad Wildbad oder in Vaihingen. Und auch in Herrenberg braucht es einen Kraftakt, um die bisherige Klinik durch ein Gesundheitszentrum zu ersetzen. Besonders in Wildbad und Vaihingen knirscht es derzeit – aus sehr unterschiedlichen Gründen.
Was in Neuenbürg entstehen soll, wird in den nächsten Wochen und Monaten von der Muttergesellschaft RKH Gesundheit ausgearbeitet. Dass Bader und die Stadt Neuenbürg einbezogen werden, hat der Rathauschef angeboten – und die RKH zugesagt. Aktuell gibt es am Krankenhaus Neuenbürg zwei MVZs: eines für Rheumatologie und ein weiteres für Orthopädie. Nach bisherigem Stand möchte die RKH diese Palette noch erweitern um ein hausärztliches Angebot und um eine berufsgenossenschaftliche Sprechstunde. Um besonders Arbeits- und Wegeunfälle behandeln und die ambulante Notfallversorgung erweitern zu können.
Das Problem für diese Pläne ist das dreistöckige Krankenhausgebäude. In Vaihingen zeigt sich aktuell, warum. Das dortige RKH-Krankenhaus ist bereits 2015 geschlossen worden. Auf dem Areal verblieb als Mieter das Ärztehaus der Vaisana GmbH mit Hausärzten und Internisten. Im Klinikbau wurde ein Simulationszentrum der RKH aufgebaut und eine internistisch-geriatrische Tagesklinik war bis Ende März 2023 in Betrieb. Die Leerstände sind ein wirtschaftlicher Klotz am Bein. Die RKH verhandelt mit der Stadtbau Vaihingen über einen Verkauf des Areals. Die Vaisana-Ärzte haben die ungewissen Besitzverhältnisse verunsichert. Laut Martina Fischer von der Pressestelle der Stadt Vaihingen/Enz sei man mittlerweile auf einem guten Weg. Und immerhin: Das Ärztehaus selbst laufe sehr gut, so Fischer. Doch die Hängepartie treibe die Bürger um. Am 23. April können sie sich um 19 Uhr bei einem Themenabend zu Altem Krankenhaus und Vaisana in Vaihingens Stadthalle informieren.
Auch in Neuenbürg gibt es Sorgen um toten Raum, der die ambulanten Angebote wirtschaftlich enorm belasten würde. Die bisherigen MVZ-Pläne würden laut Kreisverwaltung ins Erdgeschoss passen. Aber was tun mit den Etagen zwei und drei? Der noch relativ junge Baukörper der Klinik könne mehrere Dinge beherbergen, hofft Bader. Er weiß aber, dass es eine große Aufgabe wird, das ganze Haus zu bespielen.
„Wir müssen aus dem Beispiel Vaihingen für Neuenbürg lernen“,
- sagt er.
Auch in Bad Wildbad hat eine Klinik geschlossen. Für Sana war dort 2022 Schluss – damals übrigens auch wegen der nahen Konkurrenz in Neuenbürg. Auch dort war zugesagt, dass man das Gebäude auch künftig vorrangig medizinisch weiternutzen wolle. Hauptmieter heute ist aber das Berufsförderungswerk. Neue Ärzte in den Räumen? Bislang Fehlanzeige. Ende März machte Bürgermeister Marco Gauger immerhin klar, dass er Hoffnung habe. Es gebe im Klinikgebäude weiter attraktive Flächen für Mediziner. Nach Daten der Kassenärztlichen Vereinigung ist der Bezirk Bad Wildbad und Umgebung aber in Sachen Hausärzte mit 102,8 Prozent gut versorgt, wenn auch nicht für Neuansiedlungen geschlossen. Im Bezirk Pforzheim, zu dem Neuenbürg gehört, ist der Bedarf mit 86,1 Prozent aber deutlich größer. Und im Bezirk Mühlacker mit 95 Prozent ebenfalls. CDU-Kreisrat Peter Napiwotzky, selbst Hausarzt in Mühlacker, rechnet damit, dass sich im Bezirk Pforzheim, der einen großen Teil des Enzkreises abdeckt, 41 neue Allgemeinmediziner niederlassen könnten. Im Bereich Mühlacker fünf. Das alleine rettet aber noch keine Versorgungszentren.
In Herrenberg schließt das Krankenhaus, das zum selben Verbund gehört wie die Kliniken in Calw und Nagold, am 8. Mai. Als Ersatz geplant ist ein Gesundheitszentrum mit fünf MVZs (Allgemeinmedizin, Gynäkologie, Innere Medizin, Radiologie und Chirurgie). Dazu kommen sollen eine Geriatrie mit Reha sowie eine medizinische Basisversorgung mit 40 Betten und eine bis zu sechs Betten kleine Palliativstation. Das soll sicherstellen, dass alle Klinikgeschosse genutzt werden.
