Nackte Peta-Aktivistin demonstriert gegen Kaninchenwolle vor "Bader" in Pforzheim
Pforzheim. Vanessa liegt auf einer Bierbank, die mit schwarzem Stoff überzogen ist, und trägt nur einen fleischfarbenen BH, ein Höschen – und eine Kaninchenmaske. Simon steht daneben und fährt ihr mit einem ausgeschalteten Herrenrasierer über die immer kälter werdende Haut, so, als würde er sie scheren.
Vor dem Eingang des Bader-Direktkaufs in der westlichen Karl-Friedrich-Straße findet eine Demonstration statt: gegen Bettsocken mit weichem Softbund, Schlüpfer, Antirutschsocken, Schlupfjacken mit rundem Halsausschnitt und lange Unterhosen – Produkte, die man über die Internetseiten von „Bader“ und „Klingel“ kaufen kann. Zehn Artikel, jeweils aus Angorawolle von vier verschiedenen Herstellern. Besonders weiches Kaninchenfell, dessen Herkunft – oft China, oft aus Pelzfarmen – nicht unumstritten ist. Oder, wie es die vier aus Stuttgart angereisten Peta-Aktivisten sagen: „Angora ist Kaninchenfolter!“
Aus einem Fenster der „Bader“-Direktkauf-Filiale in der westlichen Karl-Friedrich-Straße blicken gut ein Dutzend „Bader“-Mitarbeiter herab: Manche winken, manche filmen. Ein paar Meter von der Aktion entfernt bleibt eine Frau mit Kopftuch auf dem Trottoir stehen, zieht die Augenbrauen hoch, presst die Lippen zusammen und wendet ihr Gesicht von der Nackten mit Nager-Maske ab. Und die beginnt nach 15 Minuten dann doch zu zittern, findet das aber nicht so schlimm wie das, was den Kaninchen passiere.
Das erklärt die Koordinatorin der Aktion, die Peta-Mitarbeiterin Noemi, durch ein Megafon genauer:
„Kaninchen für Socken oder Wärmewäsche zu quälen oder zu töten ist ein Verbrechen.“
Das mittlerweile insolvente Versandhaus „Klingel“ habe laut Peta das Versprechen abgegeben, Angora-Produkte aus dem Sortiment zu nehmen. Dass immer noch von „Klingel“ die Rede ist, verwirrt auch eine vorbeieilende Passantin: „Ich dachte, Klingel ist insolvent?“
„Bader“ hat die Marke „Klingel“ nach der Insolvenz 2023 gekauft, „nicht jedoch frühere operative Gesellschaften oder deren Geschäftsaktivitäten“, schreibt Co-Geschäftsführer Colin Bader auf Anfrage – und: „Ein von Peta behaupteter Wortbruch liegt daher nicht vor.“ Weiter heißt es:
„Die von uns angebotenen Angora-Produkte stammen aus kontrollierten Lieferketten und erfüllen die branchenüblichen Anforderungen an Tierschutz und Transparenz.“
Die Peta-Aktivisten sehen jedoch die Produktion der Wolle an sich, von der Aufzucht bis zur späteren Tötung, als Qualzucht an. Das Thema Angorawolle wird dabei grundsätzlich betrachtet.
Nachdem Peta Tierquälerei in Zuchtbetrieben in China im Jahr 2013 aufdeckte, haben unter anderem die Moderiesen H&M, C&A, Hugo Boss oder Aldi Produkte aus Angorawolle aus dem Sortiment genommen. Über 425 Unternehmen würden laut Peta auf die Kaninchenfaser verzichten. Mit einer Petition an Colin Bader will man ein weiteres dazu bewegen.
Der schreibt dazu: „Für unsere Produkte verwenden wir ausschließlich Caregora-zertifizierte Fasern oder Angora aus deutschen Kleinbetrieben, in denen die Tiere behutsam geschoren und niemals gezupft werden.“ Das Fell der Tiere wachse kontinuierlich, weshalb eine regelmäßige Schur notwendig sei. Grausame Praktiken wie das Ausreißen von Haaren lehne man ausdrücklich ab.
Auch die Website von „Bader“ hat zum Thema einen eigenen Eintrag. Dort heißt es hingegen: Es gibt verschiedene Methoden, diese Wolle zu gewinnen. Angora-Kaninchen lassen sich wie Schafe scheren. Aber auch ein Auszupfen oder Auskämmen der Haare sind bekannte Praktiken. Letzteres sei für die Tiere eine „angenehme Prozedur“.
Vanessa, die an diesem Donnerstag zum ersten Mal in die Rolle des gefolterten Kaninchens geschlüpft ist, findet die Prozedur vor „Bader“ offensichtlich weniger angenehm. Sie zittert immer mehr und zieht sich zum Schluss noch einen weißen Body über, beschmiert mit Kunstblut. Noch ein paar Minuten bibbern. Jacken und eine Kanne Kaffee liegen im Auto.
