Neues Jahrbuch des Kreisgeschichtvereins Calw: Kann KI Historiker ersetzen?
Calw. Calw/Schömberg. Mit dieser und anderen brisanten Fragen beschäftigt sich das neue Jahrbuch „Einst & Heute“ des Kreisgeschichtsvereins Calw.
Der Kreisgeschichtsverein Calw hat am Montag im Kurhaus Schömberg die mittlerweile 14. Ausgabe seines Jahrbuchs „Einst & Heute – Historisches Jahrbuch für den Landkreis Calw“ vorgestellt. Dabei standen auch zwei Fragen im Raum: Kann künstliche Intelligenz die Arbeit von Historikern ersetzen? Und wie lässt sich die Erforschung der Heimatgeschichte an die nächste Generation weitergeben?
Auf 176 Seiten beleuchten elf Beiträge unterschiedliche Epochen und Lebensbereiche: von mittelalterlichen Kirchenmännern über historische Kurorte und Seuchen bis zu den letzten Kriegsjahren und der Entwicklung einzelner Gemeinden. Die Buchvorstellung bot zugleich Anlass, auf vier Jahrzehnte ehrenamtlicher Geschichtsarbeit zurückzublicken. Kreisarchivar Kilian Spiethoff greift die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen künstlicher Intelligenz bereits in seiner Einleitung des neuen Druckwerkes auf. Unter dem Titel „KI und Regionalgeschichtsschreibung“ bezieht er sich auf eine zugespitzte Schlagzeile der Zeitung „Die Welt“ vom 17. Oktober 2025: „Werden Historiker ab 2027 überflüssig?“ Anlass war eine Microsoft-Studie, die unter anderem Tätigkeiten von Geschichtswissenschaftlern als vergleichsweise leicht automatisierbar einstufte.
Mehr als nur gute Texte
KI-Anwendungen können historische Texte inzwischen verständlich formulieren und Informationen übersichtlich aufbereiten. Doch ein gut geschriebener Text ist noch kein Beleg für seine Richtigkeit. Entscheidend bleibt, welche Quellen zugrunde liegen, ob die Angaben stimmen und wie sich historische Zusammenhänge einordnen lassen. Gerade die Regionalgeschichte zeigt, wie wichtig sorgfältige Recherche ist. Oft ermöglichen erst einzelne Urkunden, alte Akten, Reiseberichte oder persönliche Erinnerungen neue Einblicke in die Vergangenheit. Solche Zeugnisse müssen gefunden, verglichen und in ihren zeitlichen Zusammenhang gestellt werden. Wie vielfältig die Ergebnisse dieser Arbeit ausfallen, zeigt das neue Jahrbuch. Einige Beiträge führen weit zurück, andere beschäftigen sich mit Themen der Alltags- und Gesundheitsgeschichte. Klaus-Peter Hartmann widmet sich dem armenischen Bischof Aurelius und einem schwäbischen Klosterpatron mit „Migrationshintergrund“. Frank Engel untersucht die Geschichte eines Bischofs, eines Kurfürsten und dreier Calwer Bürger. Ausgangspunkt seiner Arbeit war ein Quellenfund im Themenportal „Urkunden der Pfalzgrafen“.
Historische Einblicke
Verena Mack nimmt das Badewesen und die Trinkkuren in den Schwarzwaldbädern vom 16. bis zum 18. Jahrhundert in den Blick. Susanne Lutz und Xanth Seltenreich beschäftigen sich mit dem Lengenlocher Kirchle. Einen Einblick in die Lebensbedingungen vergangener Generationen gibt Ulrich Schmelzer mit seinem Beitrag „Masern, Typhus, Gichter und andere Seuchen“. Er untersucht die Kindersterblichkeit im Oberamt Nagold zwischen 1814 und 1862. Seine Arbeit führt in eine Zeit, in der Infektionskrankheiten den Alltag und die Lebenserwartung der Menschen erheblich beeinflussten.
Auch historische Reiseberichte eröffnen einen persönlichen Zugang zur Vergangenheit. Unter dem Titel „Blütenduft und Badefreuden“ stellt Kilian Spiethoff die Aufzeichnungen der polnischen Exilschriftstellerin Karolina Nakwaska vor, die Wildbad 1843 und 1844 besuchte. Ihr Bericht vermittelt Eindrücke vom damaligen Reise- und Gesellschaftsleben und ergänzt die Geschichte der Schwarzwälder Badeorte um eine individuelle Perspektive.
Wandel der Zeit
Wie sich eine Region verändert, lässt sich nicht nur an Urkunden und Reiseberichten ablesen. Auch die Geschichte von Vereinen, kommunalen Entscheidungen und baulichen Veränderungen gibt Aufschluss über gesellschaftliche Entwicklungen. Andreas Kohler und Susanne Schönthaler zeichnen die hundertjährige Geschichte des Motorsportclubs Calw nach. Alessandro Cece untersucht die Einrichtung eines Sanatoriums auf Schloss Wildberg und die finanziellen Folgen für die Stadt. Wie wichtig neben der Auswertung auch die Erhaltung historischer Zeugnisse ist, zeigt Toni Johannes Helmle in seinem Beitrag „Handlungsbedarf im Schaudepot“. Darin befasst er sich mit dem Privatarchiv Eckart Bauer in Calw. Mariia Anisavets richtet den Blick auf die jüngere Vergangenheit und untersucht unter dem Titel „Agenbach vor 40 Jahren – Einst & Heute“ die Entwicklung des Ortes.
Die Beiträge zeigen, wie unterschiedlich sich Heimatgeschichte erschließen lässt: durch die Auswertung historischer Dokumente, die Untersuchung gesellschaftlicher Veränderungen oder den Blick auf einzelne Orte und ihre Bewohner. Das Jahrbuch macht die Ergebnisse dieser Arbeit einem breiteren Publikum zugänglich. Bürgermeister Matthias Stepan richtete den Blick besonders auf jüngere Generationen. Er stellte die Frage, wie es gelingen könne, die Geschichte an die nächste Generation weiterzugeben und sie für die Vergangenheit ihrer Heimat zu gewinnen.
