"Niemand gibt leichtfertig sein Amt auf": Nach Ankündigung von Matthias Leyn - Psychologin über Dinge, die Bürgermeister krank machen
Der angekündigte Rücktritt von Schömbergs Bürgermeister Matthias Leyn nur zwei Jahre nach seiner Wiederwahl in die zweite Amtszeit hat hohe Wellen geschlagen. Seine Begründung: Kraft, Energie und Begeisterungsfähigkeit seien verloren gegangen. Dass das Amt einen immer wieder vor neue Herausforderungen stellt, spüren auch andere Bürgermeister-Kollegen. Wenn die Belastung für sie zu groß wird, finden sie Hilfe in der Praxis von Mercedes Mende im Schwarzwald. Der „Pforzheimer Zeitung“ verrät sie, was die Gründe für die Überlastung sind und wie man diese wieder in den Griff bekommen kann.
PZ: Was bringt einen Bürgermeister dazu, sich bei Ihnen Hilfe zu suchen?
Mercedes Mende: Das ist höchst individuell. Meist erfolgt die Kontaktaufnahme, wenn der berufliche Druck spürbar steigt und bestimmte Belastungen im Amt zur persönlichen Herausforderung werden – oder gar die Gesundheit beeinträchtigen.
Matthias Leyn nennt als Gründe für sein Ausscheiden fehlende Kraft, Energie und Begeisterungsfähigkeit. Sind das die typischen Dinge, die Sie bei Ihrer Beratung hören?
Aus meiner Erfahrung gibt niemand leichtfertig sein Amt auf. Eine solche Entscheidung ist wohlüberlegt und immer das Ergebnis eines längeren Prozesses. Wer sich auf ein Bürgermeisteramt bewirbt, tut das mit hoher Motivation und Vorstellungen, die sich in der Praxis bewahrheiten können – oder eben nicht. So ist es nachvollziehbar, dass es einen Punkt geben kann, in dem klar wird, dass die Realität von den eigenen Vorstellungen abweicht und das Durchhalten zu viel Kraft kostet.
Stressauslöser liegen im Innen wie im Außen. Innere Stressfaktoren liegen beispielsweise in überhöhten Ansprüchen an sich selbst, wie etwa dem Drang, es möglichst allen recht zu machen. Das führt unweigerlich in die Erschöpfung, weil es schlicht nicht funktionieren kann. Äußere Stressoren sind vielfältig und reichen von überbordender Bürokratie und finanziellen Engpässen bis hin zu Anfeindungen und sich zuspitzenden Konflikten.
Vom Gestalter zum Krisenbewältiger: Wie hat sich das Berufsbild des Bürgermeisters in den vergangenen Jahren verändert?
Da kann ich nur meine Außenperspektive beschreiben und Rückschlüsse aus dem ziehen, was ich in meiner Praxis erlebe. Ich nehme wahr, dass die psychische Belastung im Amt stark zugenommen hat. Es ist schwieriger geworden, Sicherheit, Stabilität und Kontrolle zu spüren – und nach außen zu vermitteln. Die Gründe sind mannigfaltig und reichen von anhaltenden Krisenherden, gestiegenen Erwartungen, öffentlicher Dauerbeobachtung und schneller werdender Berichterstattung bis hin zu massiver Übergriffigkeit in den sozialen Netzwerken.
Ist der Druck auf die Bürgermeister gestiegen?
Druck im Inneren entsteht durch die Bewertung dessen, was ich im Außen wahrnehme. Es braucht also einen Reiz, auf den meine Reaktion folgt. Und da wir in einem Zeitalter der Reizüberflutung leben, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, sich unter Druck und gestresst zu fühlen. Bürgermeister sind heute einer ständigen Informationsflut ausgesetzt. Sie wollen nah an den Themen bleiben, können sich dadurch aber kaum noch abgrenzen. Dieser innere Widerspruch erhöht den Druck erheblich – und erschwert die erholsame Entspannung nach einem arbeitsreichen Tag.
Gehen Frauen und Männer unterschiedlich mit dem großen Druck im Bürgermeisteramt um?
Ich würde weniger zwischen den Geschlechtern unterscheiden wollen. Der Umgang mit Druck hängt mehr von den Rahmenbedingungen und der jeweiligen psychischen Grundkonstitution ab. Gleichwohl unterscheiden sich die Themen: So sind Frauen mit Dingen konfrontiert, die Männer weniger betreffen. Da denke ich an die Bewertung von Äußerlichkeiten, an die Beurteilung der Rolle als Mutter oder auch an Vergewaltigungsfantasien, die völlig schamlos geäußert werden. Das erreicht bisweilen Dimensionen, die schwer zu ertragen sind.
Brauchen heute mehr Bürgermeister Hilfe?
Die Studienlage zur Belastungssituation im Amt weist darauf hin, dass die Belastungen gestiegen sind. Ob die Anzahl derer, die mit den veränderten Rahmenbedingungen nicht Schritt halten können, gestiegen ist, lässt sich nur vermuten. Gleichwohl: Die psychische Widerstandsfähigkeit ist endlich – das sehe ich in meiner Praxis.
Wie helfen Sie den Betroffenen, was ist das Ziel?
Das Ziel bestimmen meine Klientinnen und Klienten. Meine Aufgabe ist es, sie dabei zu unterstützen, in ihrer Kraft und Stabilität zu bleiben – oder wieder in sie zu kommen.
Ist ein vorzeitiges Ausscheiden etwas, das Sie Ihrem Klienten raten würden?
Wenn das Amt mehr Kraft kostet, als es gibt, ist es ratsam, die aktuelle Situation ehrlich zu reflektieren und eine Entscheidung für den weiteren Weg zu treffen. Und darin begleite ich.
Manche Wähler sind jetzt auch enttäuscht: Sie haben Bürgermeister Leyn ja eigentlich für acht, nicht nur für zwei Jahre gewählt...
Es ist möglich, dass sich die Wähler enttäuscht fühlen. Gleichzeitig steht hinter jedem Amt ein Mensch, der zum Zeitpunkt der Wahl sicher nicht vorhatte, die Wähler zu enttäuschen – und am wenigsten sich selbst.
Der Rücktritt hat in der Region für großes Aufsehen gesorgt, einen solchen Fall gab es hier noch nicht. Müssen wir uns darauf einstellen, dass es nicht bei einem solchen Fall bleibt?
Von einer neuen „Normalität“ zu sprechen, würde Resignation oder Ohnmacht bedeuten. So weit würde ich nicht gehen wollen. Gleichwohl: Wir alle tragen Verantwortung für das gesellschaftliche Miteinander und tragen durch unser Verhalten einen Teil dazu bei, wie Bürgermeister den Amtsalltag erleben. Und da darf sich jeder fragen, ob sein Verhalten angemessen ist. Was mich in Hinblick auf die Demokratie vor Ort eher besorgt, ist, dass die Bewerberzahlen zurückgehen und es immer öfter leere Stimmzettel gibt. Das ist aus psychologischer Sicht nachvollziehbar: Menschen beobachten sehr genau, wie mit anderen umgegangen wird – und ziehen daraus ihre Schlüsse. Doch auch dieser Entwicklung sind wir nicht ausgeliefert. Ein erster Schritt zur Umkehr sehe ich darin, das Bewusstsein zu schärfen, wie wichtig eine starke kommunale Führung für das Gemeinwohl ist.
Mercedes Mende
... ist Expertin für Krisen- und Stressbewältigung. Die 44-jährige Diplom-Volkswirtin und Psychologin mit psychotherapeutischer Ausbildung führt eine Praxis im Schwarzwald und unterstützt seit fast zehn Jahren Bürgermeister und kommunale Führungskräfte in Phasen hoher Belastung. https://mercedes-mende.de
