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Pforzheim -  18.05.2024
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Rekordzahl bei Einbürgerungen: Pforzheim hat landesweit die Nase vorn

Pforzheim. Die Zahl derer, die in Baden-Württemberg erstmals einen deutschen Pass erhalten haben, bewegt sich auf Rekordniveau – die Einbürgerungen stiegen auf den höchsten Wert seit 2002. Eine PZ-Analyse ergibt: In Pforzheim waren es seit der Jahrtausendwende und der nunmehr gültigen Zählung noch nie so viele (in den 1990er Jahren zählten auch Spätaussiedler in die Statistik hinein) – 512 Menschen sind 2023 hier eingebürgert worden, exakt 500 waren es im Jahr 2000, dazwischen lagen die Zahlen deutlich niedriger, im Schnitt bei 305 Einbürgerungen pro Jahr.

Pforzheim Innenstadt Statistik
Pforzheim bürgert im Vergleich zu anderen Städten gleicher Größe die meisten Menschen ein. Foto: Röhr

Gleichzeitig stellt die aktuelle Höchstzahl auch einen landesweiten Spitzenwert dar: Gemessen an der Bevölkerungszahl kamen in keiner anderen baden-württembergischen Großstadt 2023 so viele Einbürgerungen zustande. Was eine im Grundsatz erfreuliche Entwicklung ist, stellt sie doch in der deutschen Stadt mit dem höchsten Migrantenanteil ein Bekenntnis der Eingebürgerten zu Deutschland dar. Das äußert sich im Absolvieren von Prüfungen über Staatsbürgerkunde und Sprachkenntnisse (mindestens B1-Niveau), sofern kein deutscher Schulabschluss vorliegt.

Aber es birgt für die Stadt Schattenseiten. Die Vielzahl an Einbürgerungen ist personalaufwändig, und eine Gesetzesänderung mit dem Ziel erleichterter Einbürgerungen vielfach nach fünf (bisher acht beziehungsweise zehn) Jahren im Land sowie unter Beibehaltung der bisherigen Staatsbürgerschaft werde einen noch größeren Andrang bringen, ist Pforzheims Erster Bürgermeister Dirk Büscher überzeugt. „Der Gesetzgeber hat durch das neue Staatsangehörigkeitsrecht seinen politischen Willen auf schnellere Einbürgerung dokumentiert, die kommunale Ebene mit der Bearbeitung der zu erwartenden Fallzahlen aber im Regen stehen lassen.“ Die Städte seien aufgefordert worden, entsprechende Personalkapazitäten zu schaffen. „Wünschenswert wäre eine Finanzierung der Personalressourcen durch den Bund gewesen“, kritisiert der Christdemokrat. Auf die Arbeit seines Haues ist er stolz: „Die Wartezeit bis zur Einbürgerung liegt in Pforzheim im Schnitt bei 16 Monaten – in Baden-Württemberg bei 18 Monaten.“

Vereinzelt falsche Sprachbelege

Die Stadt begleitet die Einbürgerungswilligen. Die Ausländerbehörde macht dafür in Frage Kommende gezielt auf die Möglichkeit der Einbürgerung aufmerksam. Eine intensive Vorbereitung und Beratung sei dem Rathaus wichtig, sagt Pressesprecher Christian Schweizer. „Dadurch, dass wir hier zudem eine städtische Koordinierungsstelle zur Vermittlung in Sprach- beziehungsweise Integrationskurse haben, ist es für die Zugewanderten in Pforzheim einfacher.“ Das helfe, individuell passende Kurse zu finden. Gelegentlich ist von Versuchen zu hören, sich eine Einbürgerung zu erschleichen. Was laut Schweizer tatsächlich vereinzelt vorkommt, ist die Vorlage gefälschter Sprachkurszertifikate.

Zwei Pforzheimer mit und ohne deutschen Pass

„Ich bin Pforzheimer“, sagt Fazli Isbilen. In der Tat ist der Angehörige des Internationalen Beirats eine bekannte Größe in der Stadt, wo er seit 43 Jahren lebt. Isbilen kam als 15-Jähriger von der Schwarzmeerküste nach Pforzheim. Als er sich damals entschied, eine Ausbildung zu machen und drei Jahre lang die Berufsschule zu besuchen, fragte ihn die Mutter: „Wozu? So lange werden wir gar nicht hier sein.“ Er blieb, und wird nie mehr gehen, wie er sagt. Dennoch ließ er sich nie einbürgern. „In der Zwischenzeit wurde es ein bisschen Trotz“, gesteht Isbilen – vor allem, weil er den türkischen Pass hätte abgegeben müssen.

„Macht mich der Stempel zu einem Deutschen? Bin ich dann kein Türke mehr? Ich bin ich. Ich bin so gut integriert. Menschen wie mir sollte man längst das Kommunalwahlrecht geben.“

Zumal etwa das Erben von Immobilien in der Türkei ohne türkischen Pass kaum möglich ist. Nun, nach Änderung des deutschen Staatsbürgerrechts und erleichterter doppelter Staatsbürgerschaft, will Isbilen den Antrag stellen. Er fürchtet, dass es Jahre dauern könnte. Weil viele es halten werden wie er. Diesen Andrang abzuarbeiten, werde Zeit brauchen. Anders lief es bei Ionut Hutuleac: Er kam 2012 mit seiner Frau aus Rumänien, „hauptsächlich der Arbeit wegen“, wie er sagt, und durfte als EU-Bürger von Anfang an bei Kommunalwahlen mitwählen.

„Wir hatten geplant, zwei Jahre zu bleiben, um Erfahrung gewinnen zu können, sie als Ärztin und ich als Informatiker.“

Nach kurzer Zeit habe die fünfköpfige Familie Anschluss gefunden und das Leben hier schätzen gelernt, das „sehr gut zu unseren Vorstellungen passte.“ Und beschloss zu bleiben. „Die Einbürgerung haben wir in der Corona-Zeit gemacht. Es war sehr anspruchsvoll, die Termine zu finden und die Unterlagen vorzubereiten.“ Zum Glück habe alles funktioniert. „Wir sind froh und dankbar, in Deutschland ein neues Zuhause gefunden zu haben. Die Einbürgerung ist das Bekenntnis dafür und gibt uns die Möglichkeit, mit vollem Recht bei allen Wahlen teilnehmen zu können.“

4,0 Einbürgerungen
je 1000 Einwohner verzeichnete Pforzheim 2023 laut Zahlen des Statistischen Landesamts – mehr als in den anderen Stadtkreisen im Südwesten. Platz 2 belegt Heilbronn mit 3,9 vor Stuttgart (3,1) und Mannheim (2,9). Karlsruhe nur 1,2 – wie im Enzkreis und weniger als im Kreis Calw (1,9). Auffällig ist in Pforzheim die neuerdings große Zahl (238) eingebürgerter Asiaten (ohne Türken). Sie stammen am häufigsten aus dem Irak, gefolgt von Syrien, Kasachstan, Pakistan, Iran, Indien, Libanon, Sri Lanka, Afghanistan, Vietnam, Israel, Thailand und zuletzt Bangladesch.

Autor: kli

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