Stadt will 60 Prozent mehr Steuern: Besuch im letzten Pornokino Pforzheims
Pforzheim hat nur noch ein einziges Sexkino – mit Pornos auf DVD und neun Kabinen im ersten Stock. Jetzt gerät der ungewöhnliche Ort wegen höherer Steuern ins Visier der Stadt. Wer hierherkommt und warum der Laden trotz Internet bis heute überlebt.
Samuel P. trägt babyblaues Kurzarmhemd, schwarze Hose, seriösen Kurzhaarschnitt – Typ Versicherungsvertreter. Was er verkauft, passt vielleicht nicht ins Bild. Und weil das so ist, will er lieber kein Foto von sich und auch seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen. Aber der Reihe nach: An der Zerrennerstraße betreibt der 34-Jährige aus Mannheim seit 2021 das letzte Sexkino der Stadt – und damit, weil Beate Uhse auf der Wilferdinger Höhe und das Bal d’Amour in der Westlichen-Karl-Friedrich-Straße längst Geschichte sind, auch den letzten Erotikfachhandel weit und breit. Er hat, könnte man sagen, das Pforzheimer Erotik-Monopol.
Wer einen 30 Zentimeter langen Gummipenis kaufen möchte oder sich im ersten Stock in einer von neun Kabinen einen Pornofilm auf DVD ansehen will, kommt hier vorbei. Wobei, das wird beim Pressetermin deutlich, es hier vielleicht um mehr geht. Der Laden existiert seit etwa 40 Jahren im Gelben Haus – und wirkt, das sei zugegeben, herrlich aus der Zeit gefallen.
Über zwölf Prozent des deutschen Internetverkehrs finden auf Pornoseiten statt, und während Erotikgeschäfte nacheinander schließen, wächst der europäische Sexspielzeugmarkt im Internet auf über 8,5 Milliarden Euro.
Samuel P.s Geschäft in Pforzheim ist da also irgendwie ein Relikt aus vergangener Zeit. Oder wo sonst spielen DVDs noch ernsthaft eine Rolle?
Stadt will mehr Geld von Herrn P.
Und auch ein steuerliches Kuriosum ist das letzte Pforzheimer Erotik-Kino geworden: Die Stadt will die Vergnügungssteuer erhöhen – für die etwa 200 Prostituierten der Stadt, für die Dutzenden Glücksspielautomaten. 800.000 Euro mehr will die Stadt im Jahr so einnehmen. Und auch Samuel P.s Geschäft ist im Visier der Stadtkämmerei. Von 50 auf 80 Euro im Monat sollen hier die Steuern pro Erotikfilm-Kabine steigen.
Dass dabei ein einziger Betrieb, noch dazu ein recht kleiner, ganz konkret von einer Steuererhöhung betroffen ist, kommt selten vor. Samuel P. findet das eine Unverschämtheit. Denn mit Glücksspiel und Prostitution in einen Topf geworfen zu werden, klingt für ihn so absurd, wie manche der Produkte aussehen, die er verkauft. Er habe eine E-Mail an alle Stadträte geschickt. Ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung habe geantwortet: Die 60 Prozent Erhöhung sei angemessen.
Am kommenden Dienstag will der Gemeinderat über die Steuererhöhung entscheiden. Und auch wenn das Gremium keine Ausnahme für Pforzheims letztes Erotik-Kino machen wird, will Samuel P. weitermachen. Die Geschäfte laufen gut, und was der Laden abwirft, steckt er in neue Experimente. Denn seine Geschichte ist eigentlich die eines Tüftlers. 2019 war er noch Mechatroniker und fragte sich, womit man sich selbstständig machen könnte. Er experimentierte mit einem 3D-Drucker. Schnuller könnte man doch produzieren? Zu streng reguliert, die Auflagen viel zu hoch. Dildos? Komischerweise kaum reguliert, sagt Samuel P. – und die Form sei leicht zu drucken. Die Marge, erkannte er schnell, ist eine ganz andere. So kam eins zum anderen. Wenn er über sein Geschäft spricht, dann lacht er immer wieder hell auf, als wüsste er, wie kurios das alles klingt. Er ist, könnte man sagen, ins Geschäft mit der Lust, Entschuldigung, hineingerutscht.
Heute druckt er Plastikpenisse auch für den Staat: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verwendet seine Produkte für die Sexualaufklärung. Nach Japan exportiert er Beckenbodentrainingsmaschinen, und ein Geschäftsmann kaufe bei ihm Sexpuppen für den Export in den islamistisch regierten Iran. Enormer Erfolg im Onlinehandel blieb jedoch aus, und so hat sich Samuel P. 2021 auch dem stationären Handel zugewandt. Einen weiteren Sexshop betreibt er noch in Mannheim.
Dort lebt er auch. In Pforzheim ist er regelmäßig, aber mit seinem Gesicht, soll sein Laden nicht in Verbindung stehen.
Und dafür - und viel mehr - ist dann Franco da. Die „Puffmutter Pforzheims“, so beschreibt sich der 53-Jährige selbst. Franco war in seinem früheren Leben katholischer Seelsorger und arbeitet im Juni dann schon 20 Jahre hier im „Erotik Point“. Er sei „Zweigeschlechtlich“, habe Eierstöcke, einen Penis und liebe seinen Job. Er könne nämlich jeden beraten. Auch Frauen – und von denen kämen immer mehr.
Gerade Seniorinnen. Sie kauften Dildos und Vibratoren, sagt Franco. Irgendwie müsse man den Mann ja ersetzen, wenn er nicht mehr da sei. Als Journalist muss man sich trauen, immer alles zu fragen. Selten ist, dass man auf jede Frage auch eine Antwort bekommt.
Was passiert im ersten Stock?
Das Sexkino im ersten Stock kostet zehn Euro Eintritt und macht laut Samuel P. etwa 40 bis 50 Prozent seines Umsatzes in Pforzheim aus. Dafür gibt es eine Tageskarte und auf 66 DVD-Playern kann man sich dann in einer der neun Kabinen Filme mit Titeln wie „Ballbusting Legends“ oder „Fresh Young Cocksuckers“ anschauen. Warm ist es hier oben, in dieser dämmrigen Welt mitten in der Innenstadt. Ein Mann steht mit geöffnetem Gürtel im Raum.
Immer wieder kaufen sich während des Pressegesprächs Gäste Tickets. Franco sagt, hier sei auch ein Treffpunkt für Menschen, die sich sonst nirgendwo treffen könnten. Menschen hätten hier Sex oder lebten sich aus, sagt Franco. Prostitution: strengstens verboten! Es kämen Menschen jeder Herkunft. Gerade in einer Stadt, wo in vielen Herkunftsländern der Migranten Sex, nun ja, nicht ganz so offen besprochen wird, wie bei Franco.
Ein Mann, offenkundig Südländer, wartet vor der Ausgangstüre, bis die Luft rein ist. Auch seriöse Anzugträger seien Gäste, die sich hier als Frau verkleideten, sagt Franco.
Gemeinsam mit der katholischen Kirche habe sein Job heute, sagt er, dass man auch hier über Gott spreche. Dann erklärt er, wo der G-Punkt der Frau zu finden ist. Vielen Dank. Manche Menschen, lacht er, lebten einfach noch immer im Mittelalter.
Warum sich die Stadt auch diesen Ort bei den Steuererhöhungen ins Visier genommen hat? Franco hebt die Faust und trällert: „Sie sind gegen Liebe, Sex und Sexualität!“ Sein Chef stützt die Arme am Tresen auf. „Ich weiß nicht“, sagt er. „Ich glaube, das ist überspitzt. Das sind rein wirtschaftliche Gründe. Mich ärgern sie damit trotzdem. Die Zeiten sind schwer genug.“ Franco erwidert: „Wenn du zumachst, habe ich keinen Job mehr.“ Samuel P., der Tüftler, der zum Geschäftsmann wurde, sagt: „Vielleicht machen wir dann einfach weniger Kabinen“, und grinst, als würde er sich noch etwas einfallen lassen. Am Ende gehe es für ihn schlicht darum, dass ein kleiner Betrieb durch Steuererhöhungen unverhältnismäßig belastet werde. Und man darf nicht vergessen: Dieser Ort ist vielleicht der trotzige Beweis dafür, dass selbst das Internet noch nicht jede Nische der echten Welt verdrängt hat.
