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Pforzheim -  18.03.2026
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Streik am Montag: Fast alle Apotheken in Pforzheim dicht - was Patienten jetzt wissen müssen

Pforzheim. Apotheken-Streik in Pforzheim: Am Montag bleiben nahezu alle Apotheken in der Stadt geschlossen. Hintergrund sind 13 Jahre Honorarstillstand bei massiv gestiegenen Kosten. Wir fragen bei einem Besuch in der Apotheke im Arlinger: "Was ist da los?"

Auch die Arlinger Apotheke bleibt am Montag, 23. März, geschlossen: Elke Gloistein, Sarah Ochner, Inhaber Christian Kraus und Manuele Bischoff (von links) bedienen an diesem Tag keine Patienten.

Auch die Arlinger Apotheke bleibt am Montag, 23. März, geschlossen: Elke Gloistein, Sarah Ochner, Inhaber Christian Kraus und Manuele Bischoff (von links) bedienen an diesem Tag keine Patienten.

Foto: Koß

Apotheker Christian Kraus sitzt in seinem bescheiden eingerichteten Büro in der Arlinger Apotheke und hat die Schnauze voll. Wobei er selbst deutlich geschliffener über eine Aktion spricht, die er als Ultima Ratio beschreibt: Am Montag werden Kunden in Pforzheim und Region vor verschlossenen Türen stehen. Die vier Apotheken von Kraus im Raum Pforzheim bleiben geschlossen. Und mit ihm streiken Apotheken im ganzen Land. Kraus sagt, im Raum Pforzheim schließen fast alle! Der 49-jährige studierte Pharmazeut und Apotheker in vierter Generation sagt: „Es geht um Gerechtigkeit!“

Hier im Arlinger eröffnete er 2010 seine erste Apotheke. Und seit 13 Jahren sind die "Honorare" – so wird der Betrag genannt, den Apotheken auf verschreibungspflichtige Medikamente aufschlagen dürfen – nicht gestiegen. 

Frank Eickmann vom Landesapothekerverband Baden-Württemberg rechnet für die PZ vor: Auf ein Rezept entfallen 3 Prozent Aufschlag plus 8,35 Euro Fixum sowie 0,41 Euro Pauschalen – zusammen 10,33 Euro brutto für die Apotheke. Davon gingen 1,77 Euro direkt an die Krankenkassen zurück; Kosten für Personal, Miete oder Energie seien dabei noch nicht berücksichtigt – übrig blieben nur wenige Euro pro Packung. Gleichzeitig seien die Kosten in den letzten 13 Jahren deutlich gestiegen (Personalkosten plus 78,8 Prozent, Betriebs- und Sachkosten plus 47,3 Prozent), was viele Betriebe wirtschaftlich stark unter Druck setze.

„Wir wollen nur, dass die Bundesregierung ihre Versprechen im Koalitionsvertrag einhält“, sagt Kraus. Er sitzt selbst im Beirat des Landesapothekerverbandes; die Frage der Honorarerhöhung treibt ihn, Verbandschefs und Lobbyisten seit Jahren um. Mit Blick auf die zwei letzten Regierungen sagt er, der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sei ein „ehrlicher Feind“ gewesen. Die aktuelle Bundesregierung hingegen ein „unehrlicher Freund“.

Diese Apotheken sollen laut PZ-Informationen und Christian Kraus am Montag geschlossen bleiben:

  • Apotheke am Markt, Brötzingen
  • Apotheke im Arlinger
  • Apotheke im Kaufland, Brötzingen
  • Center-Apotheke, Kaufland Wilferdinger Höhe
  • Central Apotheke (Fußgängerzone)
  • Stadtapotheke (Fußgängerzone)
  • Reuchlin Apotheke (Fußgängerzone)
  • Pregizer Apotheke am Leopoldplatz
  • Hebel-Apotheke (Ärztezentrum Simmlerstraße)
  • Tiergarten-Apotheke (Haidach)
  • Schlössle-Apotheke (Schlössle-Galerie)
  • Enztal Apotheke
  • Nordstadt Apotheke
  • Löwen Apotheke
  • Paracelsus Apotheke
  • Hohenzollern Apotheke
  • Neue Apotheke Eutingen
  • Rats Apotheke Eutingen
  • Kirnbach Apotheke und Linden Apotheke Niefern-Öschelbronn
  • Vita Apotheke Straubenhardt
  • Apotheke Butz Huchenfed
  • Falken Apotheke Büchenbronn
  • Schloss Apotheke Bauschlott
  • Apotheke im Centrum Birkenfeld
  • Markt Apotheke Birkenfeld
  • Schwarzwald Apotheke Straubenhardt-Schwann

Die Bundesregierung um Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will Apotheken stärken – „auch und vor allem in ländlichen Gebieten“: Nach 13 Jahren Honorarstillstand solle das Fixum auf 9,50 Euro steigen, auf dem Land bis 11 Euro. Auch die Feinde der lokalen Pharmazeuten, die Versandapotheken, sollen strenger kontrolliert werden, Bürokratie außerdem entfallen. Passiert sei aber noch nichts, so Kraus, der fürchtet, die Regierung verschleppe die Reform. 

Zurück zum Stichwort "Versandapotheken": Kraus, der selbst unternehmerisch nicht unerfolgreich ist, hat mit seinem Bruder eine eigene App entwickelt, über die Patienten aus ganz Deutschland verschreibungspflichtige Medikamente bei ihm bestellen beziehungsweise ihre Rezepte einlösen können. In seiner Zentrale in Brötzingen werden seit über einem Jahr täglich dreistellige Mengen an Päckchen versendet – ein Tropfen auf den heißen Stein im Vergleich zu den "Big Playern" wie die Online-Riesen "DocMorris" oder "Shop Apotheke", die steuerlich in den Niederlanden registriert sind und beispielsweise Preise für verschreibungspflichtige Medikamente senken könnten, so Kraus. Für die vielen Einzelkaufleute, die kleine Apotheken in Deutschland betreiben, sei das nicht so einfach möglich. Der Markt verzerre sich.

    „Auch waren wir es, die während Corona an der Front waren, die beraten, Medikamente zusammenstellen und herstellen“, sagt Kraus. Große Versandapotheken hingegen zahlten hier keine Steuern und pickten sich profitable Bereiche heraus. Die Grundversorgung aber leiste er mit seinen etwa 50 Mitarbeitern. „Wollen wir uns wirklich abhängig von wenigen großen Playern machen?", fragt er, ohne auf eine Antwort zu warten. Vom Notdienst allein könne er nicht leben. 

    Dann zeigt er Konsequenzen auf: „Wir haben ein Apothekensterben“, sagt Kraus. Und auch wenn er selbst weit von einer Schließung entfernt ist – „bei uns läuft es“ –, sieht es bundesweit anders aus: 2024 schlossen 578 Apotheken, teils deutlich mehr als neu eröffnet wurden. In den vergangenen 15 Jahren haben in Baden-Württemberg rund 25 Prozent der Apotheken geschlossen – viele davon aus wirtschaftlichen Gründen, heißt es seitens des Apothekerverbands. Insgesamt sinkt die Zahl weiter – binnen zehn Jahren verschwand jeder sechste Standort. Laut Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände schließt inzwischen mindestens eine Apotheke pro Tag. 

    Und da wäre wieder das Thema Gerechtigkeit, findet Kraus: Während die Honorare der Apotheken in den letzten 13 Jahren nicht gestiegen seien, verdienten Krankenkassenchefs und Politiker immer mehr. „Wo steht in dieser Gleichung die Apotheke?“, fragt er in den leeren Raum.

    Aber wenn es denn so brennt – warum streiken die Apotheken nur am kommenden Montag, 23. März? Reicht das? Kraus sagt, er wolle den Menschen nicht mehr zumuten. Schließlich gehe es nicht um Bahntickets oder Toaster, die nicht ankämen, sondern um Gesundheit. Dann rät er noch allen Kunden in der Region, sich rechtzeitig mit allem Nötigen einzudecken. Den Notdienst in Pforzheim übernimmt am Montag die Christoph-Apotheke in der Nordstadt, auch in Stupferich, Heimsheim und Gondelsheim bleiben Apotheken geöffnet. Der Rest, so Kraus, bleibt zu.

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