Gemeinden der Region
Pforzheim -  14.01.2026
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Trotz Kind die Schulbank drücken: Pforzheimer Hilfsorganisation „Golden Hearts“ etabliert wegweisendes Konzept

Pforzheim. Eigentlich ist der Unterricht schon seit mehr als einer Stunde vorbei. Doch in der Büchenbronner Waldschule brennt auch an diesem Mittwochnachmittag kurz vor Weihnachten noch Licht. Zahlreiche Frauen und ein Mann sitzen in einem Klassenzimmer im ersten Stock, um gemeinsam Deutsch zu lernen. Fast alle haben ihre Kinder dabei, allerdings nicht im Unterricht.

Frauke Janßen ist die Gründerin der Hilfsorganisation „Golden Hearts“. Immer wieder schaut sie in den Sprachkursen vorbei,etwa in der Büchenbronner Waldschule, wo die Teilnehmerinnen große Fortschritte machen.
Frauke Janßen ist die Gründerin der Hilfsorganisation „Golden Hearts“. Immer wieder schaut sie in den Sprachkursen vorbei,etwa in der Büchenbronner Waldschule, wo die Teilnehmerinnen große Fortschritte machen. Foto: Nico Roller

Denn während der Sprachkurs läuft, werden sie ein paar Klassenzimmer weiter betreut: mit Spielen, Bastelangeboten und anderen Aktivitäten, die Kindern Freude bereiten.

Mit Preis gewürdigt

Als die Hilfsorganisation „Golden Hearts“ die Kombination aus Sprachkurs und Kinderbetreuung vor rund zehn Jahren zum ersten Mal angeboten hat, war das eine kleine Revolution. Inzwischen ist das Konzept nicht mehr wegzudenken: weder aus Pforzheim noch aus Mühlacker und Ulm. „Bildung ist ganz entscheidend für das Gelingen von Integration“, sagt Geschäftsführerin Frauke Janßen, die für ihr Engagement erst vor kurzem den Familienfreundlichkeitspreis der Stadt erhalten hat. Bei der Verleihung im Kulturhaus Osterfeld würdigte kein Geringerer als Oberbürgermeister Peter Boch die Weitsicht, die Janßen schon 2016 bewiesen hat.

Damals, mitten in der ersten Welle der Flüchtlingskrise, lebte sie noch in den Vereinigten Staaten. Mit ihrer Familie sah sie die Bilder der in Strömen ankommenden Menschen und fragte sich, was sie tun könnte, um ihnen zu helfen. Über Crowdfunding sammelte sie Spenden, mit denen sie an der Inselgrundschule für Frauen den ersten Sprachkurs anbot, der eine begleitende Kinderbetreuung hatte. Damals ahnte Janßen nur, was später eine Umfrage unter den sozialen Trägern in der Region zutage förderte. Nämlich, dass Frauen mit Migrationshintergrund oft deshalb kein Deutsch lernen, weil sie sich um die Kinder kümmern müssen. „Der Bedarf war riesig und es gab eine nicht mehr enden wollende Warteliste“, erzählt Janßen, die noch genau weiß, dass es schon wenige Monate nach dem ersten einen zweiten Sprachkurs brauchte, damals noch in Kooperation mit der Volkshochschule, die die Lehrer stellte. Später kümmerte sich „Golden Hearts“ darum in Eigenregie.

Die Organisation arbeitet gemeinnützig und wird komplett über Spenden finanziert. Als Janßen 2017 nach Deutschland zurückkehrte, dehnte sie das Programm auf weitere Standorte aus, auch auf die Waldschule in Büchenbronn. Weil ihre eigenen Kinder seinerzeit noch das benachbarte Schiller-Gymnasium besuchten, konnte sie ältere Schüler gewinnen, die sich ehrenamtlich um die Kinderbetreuung kümmerten. Seit ein paar Jahren arbeitet „Golden Hearts“ ausschließlich mit Honorarkräften. Im laufenden Schuljahr bietet die Hilfsorganisation insgesamt 29 Sprachkurse an: nicht nur in Pforzheim, sondern auch in Mühlacker und seit kurzem in Ulm. Denn Janßen will ihr Konzept auch in andere Städte tragen, um den Frauen dort zu helfen.

Sie ist überzeugt:

„Über die Mütter kann man die ganze Familie erreichen.“

In den Kursen geht es teilweise um Alphabetisierung, teilweise um das Erreichen der Sprachniveaus A1, A2 und B1. Oft sind sie heterogen zusammengesetzt, damit die Teilnehmerinnen voneinander lernen können. So ist es auch an der Waldschule in Büchenbronn. Dort unterrichtet Lehrerin Isabella Falmann schon seit vielen Jahren, immer mit Freude und einem Strahlen im Gesicht. „Mein Herz ist hier in diesem Kurs“, sagt die Lehrerin, die viele der Frauen schon seit Jahren kennt und mit Begeisterung erlebt hat, wie sie ihre Sprachkenntnisse immer weiter verbessert haben. Falmann möchte sie zum Ergreifen eines Berufs motivieren und ihnen zeigen, was alles möglich ist, wenn man sich Mühe gibt. Die Atmosphäre beschreibt sie als konzentriert und entspannt. Man kennt sich, man duzt sich. „Wir sind zusammengewachsen wie eine Familie.“ An diesem Tag sind alle 16 Frauen da. Im Schnitt liegt die Anwesenheitsquote in diesem Kurs bei 73 Prozent – und damit in dem Bereich, der für Frauke Janßen zufriedenstellend ist. Alles über 70 Prozent wertet sie als Erfolg. Wobei es auch ein paar Klassen gibt, in denen die Quote die 90 Prozent übersteigt.