Victor-Rehm-Gebäude in Pforzheim nach sieben Jahren Leerstand verkauft: Die Käufer sind keine Unbekannten
Pforzheim. Das markante kakigrüne Gebäude an der Jörg-Ratgeb-Straße, das sich geschwungen am Enzufer entlangzieht, hat einen neuen Eigentümer. Seit 2019, dem Jahr der Insolvenz des Unternehmens Victor Rehm, wird immer wieder über die Zukunft des alten Industriegebäudes spekuliert, Pläne wurden entwickelt – und wieder verworfen. Jetzt aber gibt es einen Paukenschlag: Mit dem Verkauf eröffnet sich die Chance auf einen Neuanfang.
Die Baugenossenschaften Arlinger und Familienheim haben sich zusammengetan, die Jörg-Ratgeb-Bauen-und-Wohnen-GmbH gegründet und vor etwa zwei Monaten das Victor-Rehm-Gebäude aus der Insolvenzmasse des Familienunternehmens – gegründet 1857 – erworben.
Insolvenzverwalter organisierte Verkauf
Insolvenzverwalter Marc Schmidt-Thieme erklärt auf Anfrage am Telefon, es habe einen langen Verkaufsprozess mit Bieterverfahren gegeben. Im vergangenen Herbst habe er gemeinsam mit einem Makler aus Frankfurt 30 bis 40 mögliche Käufer angesprochen. Das höchste Angebot habe gewonnen. Die Kaufsumme nennt Schmidt-Thieme nicht. Sie fließe in die Insolvenzmasse und werde an die Gläubiger verteilt. Die Stadt Pforzheim, die sich bereits kurz nach der Insolvenz das Vorkaufsrecht gesichert hatte, schlug nicht zu. Dafür zwei Player, die im Sinne Pforzheims handeln wollen.






Carsten von Zepelin, Vorstandsvorsitzender der Baugenossenschaft Arlinger und als Verantwortlicher für das Holzhochhaus Carl bereits mit einem markanten Pforzheimer Bauprojekt vertraut, war wichtig, dass das Gebäude in Pforzheimer Händen bleibt.
In der Stadt war die Sorge immer wieder groß, dass das Gebäude an einen auswärtigen Investor fällt. Von Zepelin betont aber auch: „Aktuell ist es wirtschaftlich nicht darstellbar, Wohnungen zu bauen." Man werde das Jahr deshalb nutzen, um das Projekt konzeptionell zu entwickeln. Wohnen soll dabei im Mittelpunkt stehen. Bis Ende des Jahres wolle man konkreter werden. Auch die Stadt solle dabei mitsprechen: „Wir wollen uns gemeinsam um eine gute Lösung bemühen."
Baukrise schiebt Projekt auf Wartebank
Was konkret mit dem bestehenden Gebäude passiert, lässt sich derzeit nur in Wahrscheinlichkeiten beschreiben. Angesichts des Zustands, in den Keller läuft Wasser und der Verfall ist bei einem Rundgang deutlich sichtbar, ist ein Abriss mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nötig. Innenaufnahmen, die die PZ zusammengestellt hat, machen das Ausmaß des Verfalls deutlich. Hier kommen Sie zur Bildergalerie.
Der Neubau muss erstmal warten
Die Krise in der Bauwirtschaft ist auch in Pforzheim deutlich spürbar. Mehrere Wohnungsbauprojekte mit zusammen Hunderten potenziellen Wohnungen liegen auf Eis oder verzögern sich auf unbestimmte Zeit. Besonders betroffen ist die Arlinger Baugenossenschaft: Vorstand Carsten von Zepelin hat nach eigenen Angaben mehrere bereits geplante und teils genehmigte Vorhaben gestoppt – vor allem wegen stark gestiegener Bau- und Finanzierungskosten. Selbst geförderter Wohnungsbau rechne sich derzeit kaum noch.
Konkret betroffen ist etwa das Theresienareal im Arlinger. Dort waren ursprünglich zwölf seniorengerechte Wohnungen, eine Tagespflege und eine Kita geplant. Übrig geblieben ist vorerst nur das Kita-Projekt. Auch weitere Vorhaben wie neue Wohngebäude an der Schönbergstraße oder ein kombinierter Büro- und Wohnbau an der Hohlohstraße wurden verschoben. Gleichzeitig konzentrieren sich Wohnungsunternehmen zunehmend auf die Sanierung bestehender Gebäude statt auf Neubauten.
Auch die Gesellschaft Bau und Grund verweist auf fehlende Wirtschaftlichkeit. Geschäftsführer Lothar Girrbach nennt als Beispiel Innenstadtlagen: Dort müssten Wohnungen inzwischen für rund 20 Euro pro Quadratmeter vermietet werden, um Neubauten kostendeckend zu realisieren – tatsächlich ließen sich aber oft nur etwa 14 Euro erzielen. Branchenvertreter fordern deshalb weniger Auflagen und schnellere Verfahren, damit Wohnungsbau wieder rentabel wird.
Gescheiterte Pläne: Das Haus, das nie gebaut wurde
Es ist nicht das erste Mal, dass für das Victor-Rehm-Gebäude große Pläne geschmiedet wurden. Bereits vor einigen Jahren einigten sich Insolvenzverwalter Schmidt-Thieme, die damaligen Investoren und die Stadt auf ein ambitioniertes Konzept. Generalplaner Stephan Jung vom Architekturbüro jung voigt freie architekten und stadtplaner entwarf ein Wohn- und Geschäftshaus mit öffentlichen Nutzungen: Kunst-Ausstellungsräume und ein Musiksaal mit rund 1200 Quadratmetern im Erdgeschoss, eine Arkadenzone entlang der Enz, ein Museumscafé sowie auf vier weiteren Etagen rund 3500 Quadratmeter Wohnfläche. Die Pforzheim Galerie sollte ihren Standort im Kollmar-&-Jourdan-Haus aufgeben und ins Zentrum ziehen. Auch das Südwestdeutsche Kammerorchester sollte Proberäume und Verwaltungsflächen erhalten. Oberbürgermeister Peter Boch nannte das Konzept damals „einen großen Gewinn" für die Stadt. Die damalige Bau- und Kulturbürgermeisterin Sibylle Schüssler sprach davon, Kunst und Kultur ins Zentrum zu holen. Umgesetzt wurde nichts davon.
Ein Mitglied der Familie Beckmann, der das Gebäude als verbliebener Rest der Firma Victor Rehm noch bis vor einem Vierteljahr quasi gehörte, will sich am Telefon nicht zum Verkauf oder vergangenen Projekten äußern.
Hintergrund: Die Insolvenz
Das Victor-Rehm-Gebäude steht seit 2019 leer. Das Traditionsunternehmen, dessen Wurzeln mehr als 150 Jahre zurückreichen, stellte Ende September 2019 nach drohender Zahlungsunfähigkeit den Betrieb ein. Victor Rehm hatte sich als Hersteller hochpräziser Metall- und Kunststoffteile für die internationale Automobil- und Elektroindustrie einen Namen gemacht. Als Grund für die Krise nannte Insolvenzverwalter Schmidt-Thieme die nachlassende Nachfrage in der Branche. Die IG Metall sah die Schuld dagegen bei der Geschäftsleitung: Wesentliche Inhalte eines Sanierungstarifvertrags aus dem Jahr 2017 seien nicht umgesetzt worden. Für die damals 25 Mitarbeiter wurde das Insolvenzgeld vorfinanziert. Ein Investor, der das Unternehmen fortführt, fand sich nicht. Seitdem wickelt Schmidt-Thieme die Insolvenzmasse ab.
