Gemeinden der Region
Pforzheim -  06.10.2026
Artikel teilen: Facebook Twitter Whatsapp

Vor kurzem nach Pforzheim gezogen: Junge Frau wird mitten am Tag Opfer eines gewaltsamen Übergriffs

Pforzheim. „(Nicht) meine Ecke!“ heißt die aktuelle Ausstellung des Künstlerduos The Artpole im Foyer des Kulturhauses Osterfeld, bei der junge Pforzheimerinnen aufzeigen, was sie an der Stadt schätzen, an welchen Orten sie sich aber unwohl fühlen. Die Berliner Straße nahe der Kreuzung mit der Luisenstraße hat man da eher nicht gleich auf dem Schirm, schon gar nicht am helllichten Tag. Doch eben dort ist eine Frau Anfang 30 am Montag vergangener Woche von einem Unbekannten gewaltsam angegangen worden.

Diese nachgestellte Szene verdeutlicht, wie überraschend und schockierend der Übergriff für die junge Frau gewesen sein muss – an einem Werktag kurz nach 14 Uhr auf dem Gehweg der Berliner Straße.
Diese nachgestellte Szene verdeutlicht, wie überraschend und schockierend der Übergriff für die junge Frau gewesen sein muss – an einem Werktag kurz nach 14 Uhr auf dem Gehweg der Berliner Straße. Foto: Meyer

Schwerer als der Schmerz am Hals wiegt der Schock. Besonders bitter: Die Frau ist erst vor wenigen Wochen aus Westdeutschland nach Pforzheim gezogen. Einen Neustart im Wahl-Wohnort stellt man sich anders vor.

Eins vorweg: Die Frau wirkt nicht verbittert. Und sie nimmt nicht die gesamte Stadt in Sippenhaft. Im Gegenteil. „Das war nicht der typische Pforzheimer, ich war wohl einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Doch Verunsicherung bleibt. „Das macht schon was mit dem eigenen Sicherheitsgefühl. Ich werde in Zukunft darauf achten, nur an belebten Orten zu sein.“

1155 Fälle von Strassenkriminalität hat es 2025 im Stadtkreis Pforzheim gegeben – ein Rückgang im Vergleich zum Vorjahr um 36,5 Prozent. Gemeint sind damit Straftaten, die auf öffentlichen Straßen, Wegen und Plätzen begangen werden. Bei knapp der Hälfte handelte es sich um Sachbeschädigungen.

Kühl, aggressiv, rabiat

Was ist passiert? Dies der PZ zu schildern, ist der Frau wichtig, auch wenn sie anonym bleiben will. Es geht ihr um Aufklärung – und den Schutz anderer. Um eine wichtige Besorgung zu machen, war sie am frühen Montagnachmittag zu Fuß an der Berliner Straße unterwegs. Sie ging den Gehweg runter, ein Mann kam ihr entgegen. „Viele strahlen eine Normalität aus. Er hatte eine kühle Aggressivität, berechnend, gezielt.“ Beim Gehen zeige sie immer rechtzeitig durch die Körperhaltung an, welche Seite des Wegs sie nehmen wolle. Er sei nicht ausgewichen, sondern ihre Wechsel mitgegangen. Auf gleicher Höhe griff er dann zu, packte rabiat die Halskette der Frau, drehte sie in der eigenen Hand um und so seinem Opfer fast die Luft ab.

Glück im Unglück: Die Kette bestand aus langen Stoffschnüren, lockerte sich um 30, 40 Zentimeter.

„Was wäre gewesen, wenn er nicht losgelassen hätte?“, fragt sie bang. Und: „Bei einer Metallkette wäre das anders ausgegangen“, weiß die Frau, die beruflich der Schmuckbranche verbunden und eben deshalb nach Pforzheim gezogen ist. Ohne Ressentiments. „Ich hatte nichts Negatives gehört. Ich wusste nur, dass das die Goldstadt ist und wegen ihrer Historie nicht über eine Altstadt verfügt.“

1158 Körperverletzungen hat die Polizei im vergangenen Jahr alleine für den Stadtkreis Pforzheim registriert. Der Anstieg bei diesen Delikten im gesamten Präsidiumsbereich auf 2268 sei alleine auf ein Plus im Kreis Calw zurückzuführen. In Pforzheim, Enzkreis und Kreis Freudenstadt seien die Zahlen rückläufig.

Was bleibt? Erinnerungsfetzen. An den unverständlichen Schrei des Mannes. An ihren lautstarken Ausruf, von ihr abzulassen. An Hilflosigkeit und eigene Tränen. An einen jungen Passanten, der ihr riet, die Polizei zu rufen. An den kurzen Austausch vor Ort mit den herbeigeeilten Streifenbeamten. Polizeisprecher Benedikt Sengle bestätigt auf PZ-Nachfrage: So wie geschildert haben seine Kollegen die Abläufe dokumentiert.

Foto soll Polizei helfen

Schließlich der brennende Striemen am Hals. „Er hat mit Kraft gezogen, und der hatte viel Kraft“, berichtet die Betroffene. Bei der Täterbeschreibung muss sie sich nicht allein auf ihr Gedächtnis verlassen. Geistesgegenwärtig hat sie mit dem Handy ein Foto vom davoneilenden Mann gemacht. Vollglatze, „sonnengebräunt“, Hose und Shirt von „militärartiger“ Farbe, Sportschuhe, „sehr muskulös“. Das Foto kann der Polizei eine Hilfe sein bei den Ermittlungen. Aktuell läuft der Vorfall laut Sengle noch als mutmaßliche Körperverletzung, doch auch versuchter Raub kommt wohl infrage.

2892 aller Kriminalitätsopfer im Bereich des Polizeipräsidiums Pforzheim im Jahr 2025 waren weiblich, 3582 männlich. Unter den Tatverdächtigen waren 8377 Männer und 2573 Frauen. „Das Verhältnis der geschlechterspezifischen Anteile ist seit Jahren ähnlich, heißt es in der Statistik.

Bloß kein Einigeln

Diese Hoffnung treibt die Frau um: dass die Polizei den Mann findet und ihn eine Ahndung künftig abschreckt. Dass ihre Schilderung auch sonst Früchte trägt: „Ich möchte niemanden verunsichern oder schockieren. Aber ich würde Leute gerne warnen, dass man ein bisschen mehr auf sich, seine Umgebung und auf andere achtet.“ Nicht die Polizei, aber Nahestehende hätten ihr zudem geraten, ihre Verletzung ärztlich dokumentieren zu lassen. Was sie umgehend tat. Weil man unter Adrenalin nie genau wissen kann, wie schlimm es wirklich ist. Und die junge Neu-Pforzheimerin erwägt, einen Kurs in Selbstverteidigung zu belegen. Weil sie sich eben nicht einigeln will. „Es ist immer die Frage: Wem gehört die Stadt?“

Dass Halsketten eine begehrte Beute zu sein scheinen, unterstreicht ein weiterer Vorfall, den die Polizei an diesem Montag meldete: Ein bislang Unbekannter hat sich am frühen Freitagabend in der Nordstadt gegenüber einer Seniorin als Postbote ausgegeben und ihr dann in der Wohnung die wertvolle Kette vom Hals gerissen, ehe er floh. Auch hierzu dauern die Ermittlungen an.

VG WORT Zählmarke