Gemeinden der Region
Pforzheim -  26.04.2026
Artikel teilen: Facebook Twitter Whatsapp

„Wann wacht Deutschland auf?“: Pforzheimer Copyshop-Besitzer will weg aus Deutschland und sucht Nachfolger

Pforzheim. Die Eltern von Victor Rodrigues kamen in den 1980er-Jahren aus Portugal nach Deutschland. „Damals galt Deutschland als das Paradies“, sagt der 48-Jährige. „Und das war es auch.“ Jetzt will der Mann, der in Pforzheim aufgewachsen ist und sein ganzes Leben hier verbracht hat, nur noch weg. Zurück in die alte Heimat. Hinter sich lässt er einen seit Jahrzehnten etablierten Copyshop in der Pforzheimer City und eine Stadt, die sich seiner Meinung nach in den vergangenen Jahren sehr verändert hat.

Copyshop Pforzheim Zehnthofstraße
Victor Rodrigues (48) will nur noch weg aus Pforzheim. Für seinen etablierten Copyshop sucht er einen Nachfolger. Foto: Röhr

Zum Abschied fragt er: „Wann wacht Deutschland auf?“

Im Geschäft an der Zehnthofstraße herrscht ein Kommen und Gehen. Das Gespräch mit dem Reporter wird mehrmals unterbrochen, auch, weil Rodrigues hier Pakete annimmt. Eine Studentin holt ihre Masterarbeit ab, gebunden in einem feinen Leder-Einband. Nur vom Papier lebt der Laden aber nicht mehr. Rodrigues bedruckt T-Shirts, Autos, Schaufenster, Banner, erstellt Logos und Werbeartikel aller Art.

Geschäfte laufen „bestens“

Sein Geschäft liegt in einem belebten Teil am Rand der Innenstadt. Auf der anderen Straßenseite schlägt mit dem Irish Pub ein Herz des Pforzheimer Nachtlebens. Um die Ecke treffen sich Studenten im Café Roland. Ein passabler türkischer Imbiss und weitere Geschäfte liegen in direkter Nachbarschaft. Seit 30 Jahren existiert dort der Copyshop, den Victor Rodrigues vor zwölf Jahren übernommen hat und für den er jetzt einen Nachfolger sucht. Laut eigener Aussage läuft der Laden bestens („Wenn es mir ums Geld gehen würde, würde ich bleiben“). Ihm bleibe laut eigener Aussage ein hoher vierstelliger Netto-Betrag im Monat, für den er allerdings ganz schön klotzen muss. Warum gibt er das auf?

„Wir sind unzufrieden mit der Politik“,

sagt Rodrigues.

Er lässt ein Land hinter sich, das sich seiner Meinung nach auf dem absteigenden Ast befindet. Er habe sein ganzes Leben gearbeitet, sei „ein anständiger Bürger“ gewesen, habe seinen Sohn zu einem ebenso anständigen Mann erzogen. Jetzt halte ihn „das System“ gefangen. Dabei sollte das Leben im Alter doch einfacher werden, findet er. Weniger Arbeit, mehr Leben. In Deutschland sei das für ihn nicht möglich. Zu viele Steuern, er müsse als Selbstständiger immer weiterarbeiten, könne nicht ausbrechen. Und dann sei da die Sache mit der Migration. „Vor kurzem musste ich sogar Jugendliche aus meinem Laden werfen“, sagt er und mimt den Slang nach, den Kinder auf Pforzheims Straßen sprechen. Immer wieder hätten sie ihn angepöbelt.

„Kein Interesse an Integration“

Rodrigues findet, die Migration der vergangenen Jahre sei eine andere wie die der Gastarbeiter, die seine Elterngeneration erlebt haben. „Die Menschen haben keinerlei Interesse, sich zu integrieren. Die wollen genau so weiterleben wie in den Ländern, aus denen sie kommen.“ Damit hat er ein Problem. Zu viele hätten keinen Anstand mehr. Er kenne einige, die bereits ausgewandert seien, nach Spanien, Zypern, die Türkei.

Sobald die Nachfolge im Copyshop geklärt ist, packen er und seine Frau Estrela ebenfalls die Koffer. In Portugal haben sie ein Grundstück, 12.000 Quadratmeter, mit Olivenbäumen und einem Bachlauf. „Ich kriege eine Gänsehaut“, sagt Rodrigues, als er von seinem ersten eigenen Olivenöl erzählt. Er klingt wie der Werbefachmann, der er ist. Hinter dem Verkaufstresen hängt ein Banner einer Autofirma. „Realize your dreams“ steht da.

Mehr Lebensqualität erhofft

Die Auswanderungsrate in Deutschland folgt in den vergangenen Jahrzehnten einem leichten Aufwärtstrend. So wanderten laut der Zentrale für politische Bildung im Jahr 1990 insgesamt 0,9 Prozent der Bevölkerung aus. Im Jahr 2023 waren es 1,5 Prozent. Die meisten Auswanderer sind selbst Ausländer. Von den 1,3 Millionen Auswanderern im Jahr 2023 haben lediglich 300.000 einen deutschen Pass. Die häufigsten Zielländer sind die Schweiz, Österreich, Polen, die Niederlande, Frankreich, Spanien und die Türkei. Der häufigste Grund fürs Auswandern: eine erhoffte Steigerung der Lebensqualität. Die ist für Victor Rodrigues ausschlaggebend. Er will raus aus der City, rein ins Landleben, sich einen Traktor kaufen. „Zurück zu den Wurzeln“, nennt er das. Seine eigenen Wurzeln nimmt er dorthin mit: deutsche Tugenden wie Fleiß und Pünktlichkeit. Mit ihnen im Gepäck sieht er einer ungewissen beruflichen Zukunft in Portugal gelassen entgegen.

VG WORT Zählmarke