Weniger Frösche, Spatzen und Fledermäuse? Tierwelt im Enzkreis verändert sich
Enzkreis. Weniger Frösche, neue Arten und Störche, die einfach bleiben: Die Tierwelt im Enzkreis verändert sich – und manches, was früher völlig normal war, ist heute selten geworden.
Wer vor einigen Jahrzehnten mit dem Auto in den Sommerurlaub gefahren ist, kennt das Bild: Spätestens am Ziel war die Frontscheibe übersät mit Insekten. Heute bleibt sie oft erstaunlich sauber. Für Corina Klemens vom NABU Ölbronn-Dürrn ist das ein sichtbares Zeichen dafür, wie sehr sich die Natur verändert hat. Auch an ein anderes Bild aus ihrer Kindheit erinnert sie sich: Amphibien waren damals wesentlich häufiger auf den Straßen zu sehen. Frösche, Kröten und Molche gehörten vielerorts ganz selbstverständlich dazu. Heute fehle vieles, was damals alltäglich gewesen sei, sagt Klemens. Der Wandel kam schleichend – über Jahre hinweg. Was nun sichtbar werde, bezeichnet sie als „Quittung der vergangenen Jahrzehnte“.
Wie schwer sich diese Entwicklung allerdings an einzelnen Zahlen festmachen lässt, zeigen die Amphibiensammelaktionen des NABU Ölbronn-Dürrn. „Da kann es starke Schwankungen geben“, berichtet sie: Vor vier Jahren wurden bei einer Aktion lediglich etwa 50 Tiere gezählt, im vergangenen Jahr waren es mehr als 1000, in diesem Jahr rund 800. Auffällig gering sei derzeit die Zahl der Springfrösche. Auch der streng geschützte Kammmolch steht nach ihren Angaben besonders im Fokus. Dabei verändern sich aus Sicht von Klemens nicht nur die Bestände, sondern auch die Bedingungen, unter denen die Tiere wandern und sich fortpflanzen. Welche Folgen etwa die diesjährige Trockenheit für die Amphibien hat, werde sich teilweise erst im kommenden Jahr zeigen.
Umso wichtiger ist für sie, die Menschen für die Tiere vor der eigenen Haustür zu sensibilisieren.
„Fahrt doch bitte langsamer“,
appelliert die Artenschützerin mit Blick auf wandernde Amphibien an Autofahrer.
Dahinter steht für sie ein Grundsatz, der weit über Frösche und Molche hinausgeht: „Nur was ich kenne, kann ich schützen.“
Denn Amphibien sind nicht die einzigen Tiere, bei denen Klemens Veränderungen wahrnimmt. Auch den Feuersalamander sieht sie zunehmend unter Druck. Bei den Vögeln nennt sie eine Art, die wohl jeder kennt: den Spatz. Dessen Bestand habe einen drastischen Einbruch erlebt. Dass Wetterextreme Vögeln zusätzlich belasten können, zeigt in diesem Sommer der Mauersegler. Hier verweist der NABU Baden-Württemberg in einer Pressemitteilung auf die Folgen der extremen Trocken- und Hitzephase: Nach Angaben des Landesverbands haben viele halbwüchsige Jungvögel diese nicht überlebt. Ähnliche Entwicklungen beobachtet Klemens bei den Fledermäusen. Rund 17 Arten seien im Naturpark Stromberg-Heuchelberg nachgewiesen. Doch bei Braunen Langohren und Arten, die Kirchtürme als Quartier nutzen, würden die Kolonien stetig kleiner. Besonders im Blick hat Klemens außerdem die Bechsteinfledermaus.
Neue Arten, neue Fragen
Während sie bei einigen vertrauten Arten Rückgänge beobachtet, verändert sich die Tierwelt noch auf andere Weise. In Ötisheim sei etwa der Amerikanische Flusskrebs entdeckt worden. Um seine weitere Ausbreitung zu verhindern, habe man im Erlenbach bereits sogenannte Krebssperren eingebaut.
Doch nicht alles, was Probleme bereitet, ist ein Neuankömmling. Der Eichenprozessionsspinner etwa komme schon lange in der Region vor, erklärt Klemens.
Für sie zeigt sich daran ein grundsätzliches Dilemma des Naturschutzes:
„Es ist immer ein Für und Wider, wenn der Mensch eingreift.“
Denn auch Tiere, die für Menschen zum Problem werden, können anderen Arten als Nahrung dienen.
Und dann gibt es Tiere, die weder verschwinden noch neu hinzukommen – sondern ihr Verhalten verändern. Ein Beispiel ist der Weißstorch. Nach Angaben des NABU Baden-Württemberg erhöhen mildere Winter die Chancen der Tiere, auch hier ausreichend Nahrung zu finden. Immer mehr Störche bleiben deshalb ganzjährig. Auch ihre Zugrouten haben sich verändert: Deutlich mehr Tiere ziehen inzwischen nach Westen, viele nur noch bis Spanien.
Was wird zum neuen Normal?
Welche Tiere in zehn oder 20 Jahren wie selbstverständlich zum Enzkreis gehören – und welche dann selten geworden sind –, lasse sich kaum vorhersagen. Für Klemens zeichnet sich jedoch ab, dass vor allem die zunehmende Trockenheit viele Arten belasten wird. Vögel würden weniger, Fledermauskolonien kleiner. Die Arbeit von Naturschutzverbänden könne diese Entwicklung zwar verlangsamen, aber nicht allein aufhalten. Entscheidend werde deshalb sein, wie sich die Lebensbedingungen für die Tiere insgesamt entwickeln – und welchen Raum ihnen der Mensch künftig noch lässt.
