Zwei Pforzheimer züchten Forellen – und beliefern heute Sternerestaurants
Pforzheim. Treffen sich ein Autoverkäufer und ein Werkzeugmacher und gründen eine Fischzucht. Es hätte bei einem Treppenwitz bleiben können, wären die beiden Pforzheimer Quereinsteiger Thomas Betz und Tobias Semke nicht so schnell so erfolgreich geworden mit ihren Fischen, die mittlerweile auch die Gaumen der Sternegastronomen von Baden-Baden bis Stuttgart entzücken.
Vor fünf Jahren begannen die Jugendfreunde, eine alte Fischzucht in Alpirsbach aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Mit Muskelkraft, Schlafdefizit und einer Vision. Heute stehen Thomas Betz und Tobias Semke in Beihingen, einem Dorf bei Haiterbach, das keine 900 Einwohner hat, und zeigen ihren neu erworbenen Verarbeitungsbetrieb samt Hofladen. Der Betrieb blickt auf eine traditionsreiche Geschichte zurück. Seit 100 Jahren werden hier Schwarzwald-Forellen groß.
Vom Werksgelände ans Becken
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite grasen Schafe, die Nachbarin grüßt mit Hund. Man hört das Plätschern der Zuflüsse zu den Hälterbecken, die Regenbogenforellen, Goldforellen, Lachsforellen und Bachsaiblinge am Leben halten. Sonst Stille. „Es ist eine Idylle“, sagt Tobias Semke. In seinem früheren Leben hat der 34-jährige Familienvater und Werkzeugmacher im Werk acht Stunden am Tag Getriebe montiert.
Seit er Fische züchtet, filetiert und räuchert, arbeitet er 15 Stunden am Tag und schaut dabei in den Schwarzwald. Sein Freund und Geschäftspartner Thomas Betz hat ebenfalls Familie und schüttelt den Kopf, als er in der Kaffeeküche aus dem Fenster auf die bewaldeten Hügel guckt und an seinen alten Job als Autoverkäufer denkt. Gutes Geld, 35-Stunden-Woche, aber ohne das, was er „Erfüllung“ nennt. Es sei die Leidenschaft, die die beiden montags bis mittwochs um 3.30 Uhr aufstehen lässt, um in Pforzheim auf die B294 einzubiegen und sie erst eineinhalb Stunden später an ihrer Arbeitsstelle im Schwarzwald wieder zu verlassen. Donnerstags und freitags starten sie später. Erst um 6 Uhr. Semke ist fürs Handwerkliche zuständig, Betz für die Bücher. Was entstand, ist eine Gründergeschichte, wie es sie in der Fischzucht nur noch selten gibt. Eher läuft es andersherum: Betriebe schließen, weil sie keine Nachfolger finden.
Sie wollten die Besten werden
Die Marschroute für das Projekt „Alpirsbacher Fischzucht“ war für Thomas Betz und Tobias Semke von Anfang an klar: Sie wollen die besten Forellen züchten, mit der Qualität ganz nach oben. „Entweder wir machen es richtig gut, oder gar nicht“, sagt Thomas Betz. Von ihren Familien erfahren sie Unterstützung, die beiden Jugendfreunde, die seit Kindesbeinen an zusammen am Rhein angeln gehen, sind mittlerweile verschwägert.
Aber für die Idee werden sie auch belächelt von Freunden und Verwandten. Bis Thomas Betz mit der Akquise beginnt. Heute beliefern sie 18 Restaurants, vier Edekas, sind auf vier Wochenmärkten in Pforzheim, Karlsruhe, Freudenstadt und Nagold mit einem Verkaufswagen vertreten. Drei Sternegastronomen, aus Baden-Baden und Stuttgart, haben nach der Verkostung der Forellen und des Saiblings zugeschlagen. „Wir haben einfach den Fisch hingelegt und gesagt: Bitte probieren Sie“, sagt Betz. Dann „Nervenkitzel“ und schließlich ein Handschlag. Das seien die Momente, die für die harte Arbeit entschädigen, sagt Betz. Und der Onkel auf der Familienfeier, der plötzlich nicht mehr lächelt über die beiden Fischzüchter, sondern den Arm um sie legt und sagt:
„Diese beiden Jungs werden noch ganz groß.“
Entscheidend für die gute Fischqualität seien das Wasser und das richtige Futter. Sie setzen mit „Biomar“ auf ein biologisches und teureres Futtermittel.
Auf dem Pforzheimer Wochenmarkt ist der geräucherte Saibling bei den Kunden am beliebtesten. Allerdings ist die Kundenfrequenz dort gegenüber den anderen Märkten noch unterdurchschnittlich. Thomas Betz und Tobias Semke sind gerne auf dem Wochenmarkt in ihrer Heimatstadt, Tobias Semke verkauft dort sogar selbst im Wagen. Dennoch rufen andere Märkte an, ob sie nicht wechseln wollen, Märkte, von denen sie wissen, dass sie dort mehr verdienen. Noch geben sie ihrer Heimat eine Chance.
