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Pforzheim -  05.06.2020
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Bange Tage für Mitarbeiter von Galeria Karstadt Kaufhof: Diese Chancen rechnen sich Politik und Stadt für Pforzheimer Filiale aus

Pforzheim. Gerd Oehmkes Herz hängt immer noch an Galeria Karstadt Kaufhof. Der ehemalige Geschäftsführer war ab 1974 für 24 Jahre für das Pforzheimer Warenhaus verantwortlich. Früher hieß es Merkur, später Horten. Es wurde angebaut, umgebaut und abgebaut. Beständig blieb aber in diesen Jahren der Ertragswert, sagt Oehmke. Auch deshalb gibt der Hamburger dem Haus gute Chancen, dem Sanierungsplan nicht zum Opfer zu fallen.

„Seit Jahrzehnten ist es das Herz der Innenstadt“, sagt Oehmke. Eine Innenstadt lebe von der Kombination aus Fachgeschäften – wenn Galeria Karstadt Kaufhof schließen muss, dann wäre es für die Pforzheimer City desaströs, warnt er. Schließlich hängt der Handel nicht nur von den Pforzheimern ab, sondern auch vom Umland. Und wenn die Innenstadt verödet, kommen erst recht weniger Menschen aus dem Enzkreis nach Pforzheim zum Bummeln.

„Ein Haus lebt davon, dass es frequentiert wird.“

Sinkt die Frequenz, sinken auch die Umsätze – und damit kämpft die Essener Warenhauskette seit Jahren. Verstärkt durch die Corona-Krise leitete der Konzern im April eine Schutzschirm-Insolvenz ein. Die Arbeitnehmervertreter verhandeln derzeit mit den Sanierern über einen Rettungsplan. „Die Zeit läuft, bis Ende des Monats muss der Sanierungsplan stehen“, sagte Jürgen Ettl, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats von Galeria Karstadt Kaufhof. Rund 28.000 Beschäftigte und ihre Familien warteten gebangt darauf, wie die Verhandlungen ausgingen. Der Pforzheimer Betriebsratsvorsitzende Theo Lajer und Geschäftsführerin Stephanie Jeckel wollten sich dazu nicht äußern.

„Von den insgesamt 172 Warenhäusern könnten am Ende im Idealfall vielleicht fast zwei Drittel weiter machen“, hatte der vorläufige Sachwalter der Warenhauskette, Frank Kebekus, der „Wirtschaftswoche“ gesagt. Das würde die Schließung von mindestens 58 Häusern bedeuten. Deshalb sollten auch die Vermieter von Kaufhausfilialen Zugeständnisse machen. Die Pforzheimer Immobilie gehört nach PZ-Informationen offenbar der Signa Holding von René Benko, dem Eigener der Warenhauskette.

Neue Impulse und Konzepte

Schöne Erinnerungen an das Kaufhaus hat auch die ehemalige Geschäftsführerin Ines Richter. Es sollen im Haus einige Tränen geflossen sein, als die PZ berichtete, dass Richter die Galeria Kaufhof verlässt. Eineinhalb Jahre hatte die Leipzigerin die Geschicke des Hauses geleitet und dabei einiges bewegt. Das war 2017 und das traditionsreiche Ladengeschäft im Herzen der Goldstadt hatte noch 140 Mitarbeiter und einer Verkaufsfläche von 13.000 Quadratmetern. Heute sind es rund 100 Mitarbeiter.

„Die Zeit hier in Pforzheim habe ich als unglaublich spannend und sehr herzlich empfunden“, so Richter, die es damals beruflich und privat nach Würzburg zog.

Zuvor konnte das Sortiment mit neuen Marken aufgewertet werden und das Warenhaus bekam mit Events wie der Tanzshow „Let’s dance“ neue Impulse.

Galeria Kaufhof habe nach wie vor Magnetwirkung. Das sagte der damalige Kaufhof-Vorstand Edo Beukema bei seinem Besuch in der Goldstadt. 2016 wurde offiziell das 85-jährige Bestehen des Hauses in Pforzheim gefeiert. „Ich glaube an die Zukunft des Hauses“, versicherte Beukema. Der traditionsreiche Standort lag umsatzmäßig stets im oberen Drittel der rund 100 Kaufhof-Filialen.

Das weiß auch die Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim (WSP). „Auch nach Übernahme durch den Kaufhof und Umstellung auf das Galeria-Konzept erwies sich das Objekt inmitten der Fußgängerzone stets als Frequenzbringer“, sagt Geschäftsführer Oliver Reitz.

Ein wesentliches Merkmal dieses Konzepts ist es, dass Marken eigenständig auf Teilflächen präsentiert und vertrieben werden. „Mit Freude haben wir gerade in den letzten Monaten vernommen, dass einige namhafte Modelabels in den Kaufhof zurückkamen oder erstmals Einzug hielten“, sagt Reitz. Solche Entwicklungen wertet die WSP als Beleg für eine grundsätzlich gute Situation der Pforzheimer Filiale, „was uns auch in Gesprächen mit der örtlichen sowie mit der Geschäftsführung auf Landesebene bestätigt wurde.“ Und dennoch: Das Bangen um den Erhalt der Filiale hat noch kein Ende.

„Sollten die weiteren Entwicklungen und die Entscheidungen des Konzerns dazu führen, dass der Galeria-Standort Pforzheim aufgegeben werden müsste, wären die Auswirkungen zweifelsohne dramatisch“, räumt Reitz ein.

Wenn das Worst-Case-Szenario eintritt, müsse sich Pforzheim „der Herausforderung stellen, welche Nutzungen auf solch großen Flächen denkbar und wirtschaftlich zu betreiben wären“, erklärt Reitz. Da wäre etwa die Vermietung von Etagen. Doch da zeigt sich der WSP-Chef skeptisch: „Da das Hauptgebäude zentral über Rolltreppen erschlossen wird und in den jeweiligen Geschossen nicht baulich abgetrennt ist, wäre eine Untergliederung in einzelne Teilflächen in meinen Augen nicht ohne Weiteres umsetzbar.“

Politik mischt sich ein

Auch deshalb ist die Politik bemüht, bei der Rettung des Kaufhauses ein Wort einzulegen. So veröffentlichte SPD-Bundestagsabgeordnete Katja Mast vergangenen Freitag ihren Brief an den Sanierungsbeauftragten, Arndt Geiwitz. Darin spricht Mast nicht nur von einem „unsagbar großen Verlust“ für die Region, die über eine „herausragende Kaufkraft“ verfüge, sondern bat Geiwitz auch als Kundin, von der Schließung abzusehen. Eine Antwort auf das Schreiben erhielt Mast noch nicht.

„Die Gespräche vor Ort und auf Bundesebene laufen weiter“, so Mast.

Doch dieser öffentliche Einsatz kommt nicht bei allen gut an. Amtskollege Gunther Krichbaum (CDU) kritisiert Mast dafür, vertrauliche Gespräche oder Briefe an die Konzernverantwortlichen in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit müsse mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl angegangen werden.  Dem schließt sich der Pforzheimer FDP-Landtagsabgeordnete Hans-Ulrich Rülke an. „Mit Pressemitteilungen wird man die Kaufhof-Filiale nicht retten.“ Zumindest Letzterer äußert sich „vorsichtig optimistisch“, was die Zukunft des Hauses anbelangt. „Die Region dürfte auch in Zukunft hinreichend Kaufkraft für einen Standort des Karstadt-Kaufhof-Konzerns bieten.“

Um so wichtiger sei es, dass der Handel sich neu erfindet und verstärkt auf das Erlebnis setzt. „Es reicht nicht, einfach nur Ware anzubieten“, schreibt das Kölner Institut für Handelsforschung in seiner Studie „Handelszenario 2030“. Was in Zukunft gilt, war in der Vergangenheit nicht viel anders. Sich auf die Wurzeln besinnen, würde Wahl-Pforzheimer Gerd Oehmke sagen.

In der Goldstadt tief verwurzelt

Die Geschichte des größten Kaufhauses in Pforzheim begann im März 1890 am Marktplatz mit der Eröffnung eines „Kurz-, Weiß- und Wollwarengeschäfts“ namens „S. Wronker & Co.“. Am 17. März 1914 eröffnete das Warenhaus einen Neubau an der Westlichen Karl-Friedrich-Straße 17, der heutigen Adresse von „Galeria Kaufhof“. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise übernahm 1931 der Kaufmann Schlomo Salman Schocken dieses Warenhaus vom Wronker-Konzern.

Am 31. März 1933 begann die erste offene antisemitische Aktion der NSDAP mit dem Boykott von Läden, Arztpraxen und Rechtsanwaltsbüros, deren Besitzer zur jüdischen Gemeinde gehören. SA-Männer unter Leitung des Standartenführers Rilling versperrten den Zugang von der Brüderstraße her und fordern die Käufer zum Verlassen des Hauses auf.

Ende September 1938 übernimmt ein Konsortium verschiedener Banken die Schocken AG in Zwickau, damit wird auch das Warenhaus in Pforzheim arisiert und bekommt den Namen „Kaufstätte Merkur“. Geschäftsführer Kurt Aschner emigriert im Herbst 1938 mit seiner Familie in die Niederlande. Dort werden sie von der Gestapo 1942 verhaftet. Aschner stirbt schließlich 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Nach der Zerstörung des Gebäudes beim Luftangriff auf Pforzheim am 23. Februar 1945 und dem Ende des Krieges entstand im August 1945 in der Nordstadt an der Ecke Salierstraße/Zähringerallee ein kleines Warenhaus (heute das Café Rosenrot). Nach der Rückgabe der Merkur AG an die Familie Schocken 1949 übernimmt die Firma Horten das Warenhaus, das jedoch weiter als „Kaufhaus Merkur“ firmiert, und lässt am alten Platz an der Westlichen Karl-Friedrich-Straße ein neues Gebäude nach einem Entwurf des Architekten Theo Preckel errichten. Einige Jahre später wird dieses zur Blumenstraße hin erweitert und mit den von Egon Eiermann entwickelten sogenannten Hortenkacheln verkleidet. Mit der Übernahme durch Karstadt entstand vor zwei Jahren die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof.

Autor: ne