„Da war früher mehr Leben drin“: KSC-Rekordtorschütze Emanuel Günther spricht über seinen Ex-Verein
KSC-Rekordtorschütze Emanuel Günther blickt gelassen auf die jüngsten Turbulenzen rund um seinen Ex-Verein und erklärt die sportlichen Probleme.
Es gab eine Zeit, da hatte Emanuel Günther mit Fußball nicht mehr allzu viel am Hut. Dem Rekordtorschützen des Karlsruher SC und ehemaligen Spieler des 1. FC Pforzheim war die freie Zeit wichtiger – lieber spielte er mit seinem Enkel (4), als sich über das heutige Profigeschäft aufzuregen. Vor allem über den KSC, der zuletzt mit negativen Schlagzeilen für Aufsehen gesorgt hatte: Da war die kuriose Entlassung von Co-Trainer Zlatan Bajramovic, die Aussagen von Sportdirektor Michael Becker bei einer Veranstaltung in Heilbronn, wonach das neue Stadion nicht 150, sondern 210 Millionen Euro gekostet haben soll, und zuletzt das brisante Video aus dem Trainingslager von Vizepräsident Uwe Maisch mit seinen zweideutigen Anspielungen. Viele KSC-Fans reagierten empört, sahen das Image ihres Vereins beschädigt. Emanuel Günther hingegen bleibt gelassen. Die Entlassung von Bajramovic sei für ihn zwar ebenfalls schwer nachvollziehbar, bewerten wolle er sie jedoch nicht. „Dafür bin ich zu weit weg“, sagt der ehemalige Mittelstürmer, der 342 Pflichtspiele für den KSC absolvierte und mit 144 Treffern bis heute Rekordtorschütze der Badener ist.
„Immer für einen Spruch gut“
Auch das Video von Uwe Maisch will Günther nicht überbewerten. „Was da in den Medien wieder geschrieben wurde …“, meint er und ergänzt: „Wer Uwe kennt, der weiß, dass er immer für einen Spruch gut ist.“ Dennoch müsse man sich als Vereinsvertreter in der Öffentlichkeit bewusst sein, was man von sich gebe.
Einen direkten Draht zu den aktuellen Verantwortlichen des KSC hat der 72-Jährige derzeit nicht. Ohnehin verfolgte er seinen Ex-Verein, für den er von 1977 bis 1978 sowie von 1979 bis 1987 spielte, lange Zeit nur aus der Ferne. Erst seit gut vier Jahren beschäftigt sich „Ema“, wie ihn die Fans früher riefen, wieder intensiver mit dem KSC, tauscht sich gelegentlich mit Burkhard Reich und Edgar Schmitt aus und geht auch wieder ins Stadion. In dieser Saison sah er die Heimspiele gegen Paderborn (0:4) und Kaiserslautern (2:2).
Den Grund dafür, dass der KSC nach einem starken Saisonstart inzwischen ins Mittelfeld abgerutscht ist und auch in dieser Spielzeit wohl keine Rolle im Aufstiegsrennen spielen wird, sieht Günther vor allem im „schlechten Abwehrverhalten“. „Ich habe einige Spiele gesehen, in denen der KSC trotz zwei Mann mehr im eigenen Strafraum Gegentore kassiert hat. Das darf einfach nicht passieren“, sagt der dreimalige Zweitliga-Torschützenkönig (1978, 1980, 1984). Zudem vermisse er „Emotion und Kommunikation“ auf dem Platz. Hier sei auch der Kapitän Marvin Wanitzek gefordert. „Da dürfen ruhig mal härtere Worte fallen. Das war bei uns früher ganz normal – da war Leben drin. Ich glaube, wir hatten damals einen anderen Teamgeist“, blickt Günther zurück.
Rückkehr in die Bundesliga
Wie es mit dem KSC sportlich weitergeht und wie die Zukunft von Cheftrainer Christian Eichner aussieht, vermag Günther nicht vorherzusagen. „Die nächsten vier, fünf Spiele werden es zeigen.“ Eine Rückkehr in die Bundesliga – fast zehn Jahre nach dem letzten Erstliga-Auftritt – erscheint angesichts von derzeit zwölf Punkten Rückstand auf Rang drei jedoch unrealistisch. „Ich würde es mir vor allem für die Fans wünschen, dass der KSC bald wieder erstklassig ist“, sagt Günther. „Was die jedes Wochenende im Stadion veranstalten, ist einmalig. Da bekomme sogar ich Gänsehaut.“
Am Sonntag (13.30 Uhr), wenn Günther das Heimspiel gegen seinen Ex-Verein Fortuna Düsseldorf im Stadion verfolgt, wird dies wohl wieder der Fall sein.
Zur Person:
Emanuel Günther wechselte 1977 nach dem Bundesligaabstieg des Karlsruher SC vom VfR Wormatia Worms nach Karlsruhe – und avancierte bei den Badenern schnell zur festen Größe im Sturm. Schon in seiner ersten Saison unterstrich der kopfballstarke Mittelstürmer seine Qualitäten mit 27 Toren in 38 Einsätzen. Aus finanziellen Gründen musste der KSC seinen Torjäger jedoch nach nur einem Jahr abgeben: Günther wechselte zu Fortuna Düsseldorf, gewann dort 1979 den DFB-Pokal und spielte sowohl in der Bundesliga als auch im Europapokal.
Bereits 1979 kehrte der heute 72-Jährige in den Wildpark zurück und prägte den KSC bis 1987 maßgeblich – zeitweise auch als Kapitän. Dreimal wurde Günther Zweitliga-Torschützenkönig (1978, 1980 und 1984), mit 144 Treffern in 342 Spielen ist er bis heute Rekordtorschütze der Blau-Weißen. Besonders gerne erinnert er sich an ein Tor aus der Saison 1981/82. „Wir lagen daheim 0:2 gegen Schalke zurück. Uwe Dittus verkürzte, ich glich aus. In der 80. Minute wollte Torhüter Norbert Nigbur gerade abschlagen, da bin ich von der Seite gekommen und habe ihm den Ball abgeluchst – 3:2“, erzählt Günther. „Nach diesem Tor wurde entschieden, dass Torhüter im Strafraum nicht mehr bedrängt werden dürfen.“ Auch in Düsseldorf erlebte Günther besondere Momente: Im August 1978 erzielte er gegen den VfL Bochum per Fallrückzieher das Tor des Monats (Günther: „Die Medaille wurde mir später bei einem Umzug geklaut“) und ging gemeinsam mit Klaus Allofs auf Torejagd. „Unvergessen ist unser 7:1 gegen die Bayern – Klaus zwei Tore, ich zwei Tore ... “, erinnert sich der frühere Angreifer an die Partie im Dezember 1978. Seine Karriere ließ Günther zwischen 1987 und 1992 beim 1. FC Pforzheim ausklingen. Für den Club absolvierte er vorwiegend als Defensivakteur 142 Spiele (9 Tore). „Die Pokalpartie gegen Bremen und die Aufstiegsrunde gegen 1860 werde ich nie vergessen“, sagt Günther. Beruflich ist Günther seit rund 30 Jahren bei Intersport Elsässer (Flock- und Textildruck) tätig, trainierte in der Region unter anderem den SV Büchenbronn, SV Huchenfeld und den FV Langenalb. Zwei-, dreimal die Woche arbeitet er in Pforzheim, ansonsten genießt der 72-Jährige die Zeit mit seinen beiden Enkeln in Baden-Baden. An diesem Donnerstag feiert Günther mit seiner Frau Jutta den 50. Hochzeitstag – im Hotel-Restaurant Grüner Baum in Bühlertal. Dort moderieren am selben Abend seine ehemaligen Vereinskollegen Burkhard Reich und Edgar Schmitt den KSC-Fantalk „Emotionen. Tore. Anekdoten“.
