Frank Herrmann: Das steckt hinter dem neuen Typ des Handwerksmeisters
Pforzheim. Jung, unternehmerisch und mit beiden Beinen in der Region verwurzelt: Der neue Kreishandwerksmeister Frank Herrmann wirkt nicht wie ein typischer „Handwerker“. Für den Geschäftsführer des Balkon- und Aufzugspezialisten Spittelmeister ist das aber kein Widerspruch: „Die selbstständigen Handwerker sind in erster Linie Unternehmer“, sagt der 48-Jährige im PZ-Redaktionsgespräch, „ansonsten können sie sich nicht behaupten.“ Frank Herrmann – Wirtschaftsingenieur, verheiratet, zwei Kinder – strahlt Bodenständigkeit aus. Sein schwäbischer Zungenschlag verrät, er kommt aus der Region Kirchheim unter Teck. Ländliche Gegend, emsige Menschen, konservative Haltung. „Ich war es von meinem Vater gewohnt, dass er nach der Arbeit immer noch etwas gemacht hat – sei es im Garten oder im Hof der Firma.“
Und so überrascht es nicht, dass die neue ehrenamtliche Tätigkeit als Kreishandwerksmeister zu seinem Werdegang passt. „In den letzten vier, fünf Jahren haben wir unsere Firma neu aufgestellt“, erklärt Herrmann. Es wurden externe Berater hinzugezogen und eine zweite Führungsstruktur etabliert – Investitionen, die sich nun auszahlen. „Ich merke, dass ich jetzt weniger in die Projekte meiner Firma involviert bin.“ Ein Umstand, der neu für ihn sei und ihm Freiräume gebe, wozu nicht zuletzt die engagierte Arbeit seiner Frau beitrage. Routiniert in der Organisation der vierköpfigen Familie, ist es der in der digitalen Welt etablierten Anja Herrmann zu danken, wenn Spittelmeister mit seinem Internet-Auftritt eine optimale Sichtbarkeit und Akzeptanz gefunden hat – auch für einen Handwerksbetrieb heute eine absolute Notwendigkeit.
Das Unternehmen
Seit 2003 ist er Geschäftsführer von Spittelmeister – ein bodenständiger Schlosserei-Betrieb, der vor 73 Jahren von Eugen Spittelmeister gegründet wurde. Seine Eltern, Metallbauer Robert Herrmann und seine Frau Dagmar, übernahmen 1993 den Betrieb. Längst ist Spittelmeister mit seinen 65 Mitarbeitern über den Pforzheimer Wirtschaftsraum hinausgewachsen, bearbeitet mit sechs Vertriebsbüros den Markt in Österreich, in den Niederlanden und in der Schweiz.
Der Grundstein für den Erfolg wurde 1996 gelegt, als mit dem Bau von Balkonen und Aufzuganlagen ein neues Geschäftsfeld angegangen wurde. In der eigenen Schlosserei vorgefertigt, sind Spittelmeister-Teams heute bundesweit unterwegs, um vorwiegend an großen Bestandsbauten Balkone anzubringen oder Aufzuganlagen zu installieren. Letztere im Zuge der Inklusion auch an Schulen und in Bahnhöfen. „Wir haben viele eigene Systeme entwickelt und stark auf dieses Thema gesetzt“, erklärt Frank Herrmann. Klassische Schlosserarbeit wird heute praktisch nur noch in der Region gemacht – eine Basisarbeit, die den Auszubildenden zu Gute kommt.
Der Standort
Frank Herrmann bleibt dem Standort Pforzheim treu. „Es lässt sich hier gut arbeiten“, sagt der 48-Jährige, „wir leben in einer leistungsfähigen Region.“ Und dennoch, wäre der „Hidden Champion“ der Goldstadt fast abhandengekommen. Es geht um einen für Frank Herrmann wunden Punkt. Neue Gewerbeflächen, die in Pforzheim praktisch nicht existieren: „Das ist ein Hemmnis für die Ansiedlung neuer und die Erweiterung etablierter Betriebe.“ Frank Herrmann weiß wovon er spricht, denn das Unternehmen Spittelmeister wächst rasant und wird zur Jahresmitte in Pforzheims Norden – im Gewerbegebiet „Buchbusch“ – eine neue Produktionsstätte von 4000 Quadratmetern beziehen, flankiert von einem Bürotrakt von 1000 Quadratmetern.
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Der Nachwuchs
Eine Herzensangelegenheit Herrmanns ist der Nachwuchs. Sein Motto: Das Handwerk muss bei jungen Menschen attraktiver werden: „Da müssen wir in die Offensive gehen“. Immer noch würden viele Jugendliche sich einem Studium zuwenden, obwohl es im Handwerk hervorragende Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten gibt. „Dieses Wissen wird aber zu wenig nach Außen transportiert“, sagt Herrmann und gibt den zukünftigen Azubis gleich einen Tipp an die Hand:
„Wenn man ins Handwerk geht, sollte man sich immer den Weg offen halten, um sich mit dem Meisterbrief eines Tages selbstständig zu machen.“
Auch das Thema Integration von Migranten beschäftigt das Handwerk: Es gebe viele Kontakte und gute Erfahrungen – aber auch Enttäuschungen. Frank Herrmann berichtet aus seinem eigenen Betrieb: Ein junger Syrer beschloss, im dritten Lehrjahr die Ausbildung abzubrechen. „Dabei war der junge Mann handwerklich geschickt, intelligent, hatte gute Noten und keine Sprachprobleme.“ Er hatte einfach keine Lust mehr und will nun wieder zurück nach Libyen, wo er ein paar Jahre gelebt hat, bevor er nach Deutschland kam. Die Versuche scheiterten, ihn davon abzuhalten.
Das Handwerk
Generell sieht Frank Herrmann das Handwerk auf einem guten Weg. Insbesondere die mit dem Bauhandwerk verbundenen Gewerbe seien bestens ausgelastet – gerade im Wohnbau. „Aber man muss aufpassen, dass man durch dieses Volumen, das derzeit 80 Prozent im Handwerk einnimmt, die anderen Betriebe im Handwerk nicht vergisst.“ Die Anderen – das sind Gewerke, die unter der Corona-Pandemie besonders leiden: Kfz-Handwerk, Friseure, Bäcker, Konditoren, Schneider, Goldschmiede. „Diese Betriebe haben derzeit einen schweren Stand!“
Deutliche Worte findet der Kreishandwerksmeister auch zur überbordenden Bürokratie – „diesem Verordnungskram“. Denn wer einen Handwerksbetrieb führt – ob klein oder groß–, sieht sich immer häufiger mit neuen Vorschriften, Regularien und Qualifizierungen konfrontiert. Dabei reiche das Spektrum vom öffentlichen Vergabewesen bis zu den Anforderungen des Statistischen Landesamtes. „Jedes Jahr fordern wir von der Politik die Entbürokratisierung – aber ich denke, dass wir da keine Chance haben, dass es sich in irgendeiner Form ändert.“
Aber aufgeben? „Man muss als Unternehmer eine Entscheidung treffen: Welches Risiko gehe ich letztlich ein.“ Manch einer entscheidet sich dann aus Frust, wenn er es sich leisten kann oder keinen Nachfolger findet, den Betrieb früher zu schließen.
Die Kreishandwerkerschaft
Für die Zusammenarbeit in der Kreishandwerkerschaft hat der 48-Jährige nur Lobendes zu sagen. „Dadurch, dass in den Vorstand auch Jüngere eingezogen sind – auch mit meiner Wahl – arbeiten wir gut zusammen“, sagt Herrmann. Natürlich habe das Ehrenamt in der Gesellschaft eine andere Bedeutung als früher.
„Aber wir sind in unserem Vorstand gut aufgestellt.“
Neben der großen Palette der Dienstleistungen für die Handwerksbetriebe sei auch die menschliche Seite stark ausgeprägt – etwa wenn sein Vorgänger und Ehrenvorstand Rolf Nagel die goldenen Meisterbriefe derzeit persönlich zustellt oder die Freisprechungsfeier in Form eines Autokinos erfolgt, weil Corona bedingt keine Versammlungen stattfinden können. „Da waren andere Kreishandwerkerschaften deutlich weniger kreativ“, stellt Herrmann fest.
„Auch bemühen wir uns, dass wir für die Mitgliedsbetriebe schnell auf neue Anforderungen reagieren.“ So wurden Corona-Tests in Sammelbestellungen angeboten oder Lieferkontakte hergestellt. „Und natürlich haben wir mit Matthias Morlock einen sehr versierten Geschäftsführer; ihn eines Tages zu ersetzen wird eine schwere Aufgabe sein.“
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Gelungener Generationswechsel
Es ist eine Generationen-Zäsur, wenn in diesen Zeiten – Corona bedingt nahezu „geräuschlos“ – an der Spitze der Kreishandwerkerschaft ein Stabwechsel stattfindet. Über zwei Jahrzehnte stand Rolf Nagel in der Nachfolge von Jürgen Pfirmann an der Spitze des Verbundes – davon 13 Jahre als Kreishandwerksmeister – und hat dabei deutliche Akzente gesetzt. Seine große Wertschätzung fand Rolf Nagel auch als Vizepräsident im Landesverband der Kreishandwerkerschaften und schließlich in der Ernennung zum Ehrenmeister der Kreishandwerker. Frank Herrmann, sein Nachfolger im Amt, verweist deshalb nicht ohne Grund „auf die unvergleichliche Art, mit der Rolf Nagel ein Garant für den Zusammenhalt und den Erfolg der Kreishandwerkerschaft war“. Dies gelte in gleicher Weise für Matthias Morlock, der mit seinem Team die Geschäfte führt.
In der Tat ist die Kreishandwerkerschaft gut aufgestellt, wobei nicht zuletzt die gesamte Vorstandschaft ein großer Stabilisator ist. Frank Herrmann begegnet deshalb ziemlich entspannt der Frage, warum er sich – in seinem eigenen Unternehmen unverändert in einer Wachstumsspirale gefordert – den „Job“ des Kreishandwerksmeisters antut. Aber Herrmann gehört – das macht seine berufliche Karriere deutlich – zu jenen Handwerkern, die ihre Arbeit optimal organisieren, auf breiter Ebene kommunizieren und sich dabei noch in die anspruchsvolle Aufgabe eines Ehrenamtes einbringen können.
Dem traditionellen Schlosser-Handwerk verbunden, ist Frank Herrmann mit seinem Betrieb längst in Regionen vorgestoßen, wo handwerkliches Tun und industrielle Fertigung zu einem unternehmerischen Erfolgsmodell verschmolzen sind. Aus dieser Warte ist der Kreishandwerksmeister ein Gesprächspartner auf vielen Ebenen – im kommunalpolitischen wie gesellschaftlichen gleichermaßen.
Dem Ehrenamt in der Gesellschaft eine verstärkte Wertigkeit geben ist Frank Herrmann genauso ein Anliegen wie deutlich zu machen, dass auch in der digitalen Welt das Handwerk – mittlerweile in vielfacher Weise hoch technologisiert – ein bedeutender Wirtschaftsfaktor ist und für unsere Gesellschaft eine stabilisierende Wirkung hat – nicht zuletzt durch die erfolgreiche Integration junger Migranten in das Berufsleben.
