Jeside flieht mit 16 aus dem Irak – heute ist er Friseur in Wiernsheim
Wiernsheim. Als Saher Sheko von seinem Einsatz in der Vesperkirche in Mühlacker erzählt, sitzt er nach Feierabend im Friseursalon in Wiernsheim. Er ist müde, aber zufrieden. „Wir waren zu zweit“, sagt der 26-jährige Friseur. „Jeder hat drei Leute geschnitten. Kostenlos. Für Menschen, die sich das sonst nicht leisten können.“
Viele seien am Anfang ängstlich gewesen. „Aber danach haben sie sich gefreut. Und wir uns auch.“ Für ihn sei das selbstverständlich.
„Wenn ich schon nicht alles ändern kann, dann kann ich wenigstens mit meinem Handwerk ein bisschen helfen.“ - Saher Sheko
Unterstützen, wenn es geht. Still, nebenbei, ohne großes Aufheben. „Mich interessiert das nicht, ob das jemand liest. Wichtig ist, dass die Menschen wissen, dass man da war“, sagt er. Wer ihm zuhört, merkt schnell: Er erzählt viel über andere – und wenig über sich. Dabei ist seine eigene Geschichte eine, die man nicht vergisst.
Weiter Weg nach Deutschland
„Ich bin aus dem Irak. Ich bin Jeside“, sagt Sheko. „Und deswegen konnten wir dort nicht bleiben.“ Als der Islamische Staat ganze Dörfer zerstört, Menschen verfolgt, tötet, Frauen verkauft, Familien auseinanderreißt, wird für seine Eltern klar: Der Sohn muss weg. „Für Eltern ist das so: Erst die Kinder in Sicherheit bringen. Dann vielleicht sich selbst.“ Sheko ist damals 16. Ein Jugendlicher. Kein Abenteurer. „Ich habe mir nicht so viele Gedanken gemacht. Ich dachte: Ich gehe jetzt. Es wird schon gut.“ Drei Viertel der Strecke legt er zu Fuß zurück. Bulgarien, Serbien, Ungarn, Österreich. Einen Monat unterwegs. Mit einer kleinen Gruppe, mit seinem gleichaltrigen Cousin. Ohne Eltern. „Im Prinzip war ich allein“, sagt er. „Auch wenn andere da waren.“
Seine Familie bleibt zunächst zurück. Die Eltern schlafen wochenlang an der Grenze. Im Auto. Auf dem Boden. In der Hoffnung, dass sie durchkommen. Die kleine Schwester bleibt im Irak. „Wir konnten uns nicht leisten, dass alle gehen.“ Solche Sätze sagt Sheko ruhig. Ohne Bitterkeit. Als hätte er sich daran gewöhnt, dass sein Leben früh kompliziert wurde.
Angst vor Abschiebung
In Deutschland kommt er Ende 2015 an. Erst ins Kinderheim bei Lörrach, später in den Enzkreis. „Ich war ungefähr zehn Monate im Heim.“ Danach zieht er zu seinen Geschwistern. Heute lebt er mit seinem älteren Bruder in Mühlacker, die Schwester wohnt in der Nähe von Pforzheim, die Eltern ebenfalls hier – geduldet. „Sie können jederzeit abgeschoben werden. Ich eigentlich auch.“ Er hat keinen unbefristeten Aufenthalt. Nur befristete Genehmigungen. Immer wieder neu. Immer wieder warten. Immer wieder hoffen. Manchmal liegt er abends im Bett und hört ein Geräusch im Hausflur. „Dann denke ich: Vielleicht sind sie jetzt da.“ Er meint die Polizei. Die Abschiebung. Das Ende des aufgebauten Lebens. „Viele sagen, das passiert nur bei Straftätern. Aber bei Leuten ohne festen Aufenthalt kann das auch passieren.“ Er sagt das nüchtern. Als Teil seines Alltags.
Jeside zu sein, bedeutet für ihn bis heute Vorsicht.
„In vielen Gegenden musst du aufpassen, dass du das nicht sagst. Manchmal musst du lügen“, sagt Sheko.
Auch in Deutschland sei er schon angesprochen worden. Zwei Mal habe man versucht, ihn zu bekehren. „Dass mein Glaube falsch ist.“ Er bleibt freundlich. Aber bestimmt. „Das funktioniert bei mir nicht.“ Für ihn bedeutet Religion Respekt. „Jeder soll glauben, was er will. Wir sagen niemandem, dass er falsch liegt.“
Durch Zufall Friseur
Seinen Beruf findet Sheko eher zufällig. Erst probiert er den Einzelhandel. „Das war nichts für mich.“ Dann ein Praktikum beim Friseur. „Viele kommen unzufrieden rein und gehen mit einem Lächeln raus. Das gefällt mir.“ Er macht die Ausbildung, den Gesellenbrief, später den Meister. „Ich wollte irgendwann mein eigener Chef sein.“ Heute arbeitet er in Wiernsheim. Mit Leidenschaft, sagt er.
Eigentlich wollte er zur Bundeswehr oder zur Polizei. „Das war immer mein Traum.“ Aber ohne Staatsbürgerschaft geht das nicht. Zehn Jahre müsse man warten, hieß es früher. „Da dachte ich: Das ist zu lang.“ Heute wäre die Zeit fast um. Aber erst braucht er den dauerhaften Aufenthalt. Dann vielleicht den deutschen Pass. „Eigentlich müsste alles passen“, sagt er. Ausbildung, Arbeit, Sprache, Integration. „So sagt es das Amt.“
Wenn Sheko von der Zukunft spricht, klingt er vorsichtig optimistisch. Er hat sich etwas aufgebaut, Schritt für Schritt, ohne Abkürzungen. „Ich bin zufrieden“, sagt er. Und meint damit nicht: alles ist perfekt. Sondern: Ich bin noch da. Ich arbeite. Ich helfe anderen. Ich gebe nicht auf. Wenn er deshalb von Aktionen wie in der Vesperkirche spricht, dann nicht mit Stolz, sondern mit Selbstverständlichkeit. „Wenn man helfen kann, sollte man helfen“, sagt er.
