Nach Insolvenz von „Casablanca“: Pforzheimer Unternehmer startet nächste KI-Idee
Pforzheim. Er ist ein leidenschaftlicher Erfinder – immer auf der Suche nach einem neuen Projekt. Carsten Kraus gründet nicht nur gerne Firmen, sondern ist auch an anderen Start-ups mit seiner CK Holding beteiligt. Häufig ist er als Speaker bei größeren KI-Vortragsveranstaltungen im In- und Ausland im Einsatz. Doch Carsten Kraus wäre nicht Carsten Kraus, wenn er nicht bald wieder etwas Neues beginnen würde. „Ich bin in erster Linie Erfinder“, sagt der Pforzheimer Unternehmer.
Pforzheim. Es geht dabei um das Thema Wissensnachfolge. 13,3 Millionen Menschen gehen in den kommenden fünfzehn Jahren in den Ruhestand, erklärt Kraus. Deren jahrzehntelange Erfahrung gelte es für die Nachwelt zu bewahren. Mit einer speziellen Wissensdatenbank will der Unternehmer diesen Schatz heben. „Revive“ bedeutet Wiederbelebung. Der betriebliche E-Mail-Verkehr und interne Dossiers werden hierfür KI-gestützt ausgewertet. Offene Projekte und Anfragen, Beziehungen mit Kunden und Lieferanten, aber auch gelebte Abläufe werden daraus erschlossen, und dieses Wissen erleichtert dem Nachfolger die Einarbeitung. Nutzen könnten dies Unternehmen, in denen eine Nachfolgelösung ansteht oder gerade erfolgt ist. Möglicherweise ließe sich, so Kraus, auch ein Teil der laut KfW über 100.000 jährlich geplanten altersbedingten Betriebsschließungen vermeiden. Der Startschuss für „Revive“ erfolgt im September.
Vier Millionen Euro verloren
Von Rückschlägen lässt sich der Pforzheimer nicht aufhalten, und Statussymbole wie Luxusauto oder Yacht sind ihm persönlich nicht wichtig. Allein vier Millionen Euro hat er in sein Projekt Casablanca gesteckt. Doch leider expandierte das Unternehmen nicht wie erhofft und wie in der TV-Show „Höhle der Löwen“ im April 2024 mit viel Selbstbewusstsein werbewirksam präsentiert.
„Ich schau dir in die Augen, Kleines“ – mit Blick auf den gleichnamigen Kult-Film mit Humphrey Bogart in der deutschen Fassung aus dem Jahr 1952 wollte Kraus die Videokonferenzen weltweit revolutionieren. Seine Idee hinter Casablanca: eine virtuelle Kamera auf dem Rechner, die mit KI-Unterstützung die Augen eines Gesprächspartners so ausrichtet, dass er mit dem Gegenüber in direktem Blickkontakt steht. „Höhle der Löwen“-Investor Carsten Maschmeyer wollte damals mit 500.000 Euro bei Casablanca einsteigen – für rund zehn Prozent der Anteile. Der Umsatz sollte auf 15 Millionen Euro steigen. Doch der TV-Deal platzte, weitere Investitionen blieben aus, und so musste das Start-up im Jahr 2025 Insolvenz anmelden. „Wer etwas erreichen will, muss auch mal Misserfolge einstecken“, so Kraus.
Casablanca wieder am Start
Trotz dieses kaufmännischen Misserfolgs glaubt Kraus weiter an das Produkt. Er hat alle Technologie zurückgekauft und will Casablanca unter dem Dach der Brainbox GmbH wieder in die Erfolgsspur führen. „Ich bin guter Dinge.“ Das Produkt sei gut und Studien hätten ergeben, dass Videocalls mit Casablanca eine um 13 Prozent höhere Abschlussquote aufweisen. Der Blickkontakt zeige eben Wirkung. Die neue Vertriebsmanagerin mache eine gute Arbeit. „Es läuft recht vielversprechend.“
Carsten Kraus gründete bereits in den 1980er-Jahren mit 16 Jahren seine erste Firma. Damals entwickelte der Gymnasiast eine Variante der Programmiersprache Basic, die er an Atari Computers verkaufte. „Omikron Basic war 70 Mal so schnell, wie das, was Atari gemacht hat“, erinnert sich Kraus. „Da waren wirklich lauter neue Ideen drin. Leider haben wir damals keine Patente angemeldet, sonst hätten wir auf dem PC-Markt nochmals richtig groß werden können.“
Später konzentrierte sich Kraus mit der Pforzheimer Firma Omikron auf den Bereich Kundendatenbanken, schrieb ein Buch und brachte 2001 den Fact-Finder auf dem Markt: Damit war es weltweit erstmals möglich, in Onlineshops Produkte zu finden, auch wenn man sich vertippt hatte. Google kam mit „Meinten Sie vielleicht“ erst später auf den Markt.
Laut Kraus war dies seine bislang erfolgreichste Technologie, die er 2021 mit dem Verkauf an die Beteiligungsgesellschaft GENUI veräußerte. Von der Omikron Data Solutions GmbH hat sich der Unternehmer im Frühjahr 2026 getrennt und seine Anteile an die französische DQE-Gruppe verkauft. Albert Pusch blieb als Gesellschafter und Geschäftsführer an Bord.
Gegen Subventionen
Der Pforzheimer IT-Experte glaubt an die Chancen der KI, sieht aber auch mögliche Gefahren, falls skrupellose Akteure oder gar Diktatoren mit KI-gestützten Lösungen ihre Macht ausbauen und missbrauchen könnten. Deshalb ist ihm auch wichtig, dass die Software von deutschen und europäischen Entwicklern stammt, die auch ein Stück weit deren Weltanschauung abbildet. Als großer Anhänger der sozialen Marktwirtschaft ist er gegen Subventionen (etwa beim Benzinpreis) und gegen Gleichmacherei im Bildungssystem. Die Förderung von Hochbegabten sei dagegen sinnvoll, um auch künftig den Standort Deutschland behaupten zu können.
