Zwei-Klassen-Gesellschaft im Gesundheitswesen? Pforzheimer Psychotherapeutin über Honorarkürzungen
Pforzheim. Das Kind verletzt sich selbst, ist untergewichtig oder droht damit, sich etwas anzutun: Schon jetzt warten besorgte Eltern in solchen Fällen monatelang auf einen Therapieplatz. Doch die Versorgung könnte schon bald noch schwieriger werden: Vor gut eineinhalb Wochen hat der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV-SV) beschlossen, die Vergütung der ambulanten Psychotherapie um 4,5 Prozent zu reduzieren.
Die Honorarkürzung soll zum ersten April wirksam werden.
Für Psychotherapeuten ist das ein großer Schock. Die Ärztegruppe steht laut der Psychotherapeutin Christina Dahm schon jetzt auf einem der letzten Plätze der Honorar-Skala. Die psychotherapeutische Versorgungslage ist schon lange angespannt und die Wartelisten sind lang. Ausgerechnet in dieser Situation eine Honorarkürzung zu veranlassen, sei ein fataler Fehler, wie die Pforzheimer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Christina Dahm findet: „Ich bin fassungslos. Die Arbeit wird immer anspruchsvoller und die Kinder und Jugendlichen werden immer kranker. Wir werden dem Bedarf absolut nicht gerecht“, erklärt sie empört. Die psychische Gesundheit sei noch immer schambehaftet und gelte als Tabu-Thema, sagt sie und fragt sich, ob das ein möglicher Grund für die finanzielle Kürzung sein könnte. Dabei gehe die mentale Gesundheit uns alle an.
Christina Dahm ist seit zehn Jahren als niedergelassene Psychotherapeutin in Pforzheim tätig und beschäftigt in ihrer kassenärztlichen Praxis fünf Mitarbeiter. In den vergangenen fünf Jahren hat sich ihre tägliche Arbeit massiv gewandelt: „Sowohl die Schwere der Krankheitsbilder als auch die Fallzahlen schwer erkrankter junger Patienten sind signifikant gestiegen und der Versorgungsbedarf hat sich drastisch verschärft“, sagt sie.
Grund der Kürzung
Nach dem Grundsatzbeschluss des Bundessozialgerichts (BSG) von Oktober 2017 wurden die bis dato geltenden Gebührensätze für Psychotherapeuten als nicht angemessen eingestuft. Der Bewertungsausschuss wurde deshalb zur Anpassung der Honorare verpflichtet. Die GKV begründet die Honorarkürzungen damit, dass der erhebliche Anstieg der psychotherapeutischen Abrechnungsziffern in den vergangenen Jahren zu einer Übervorteilung der Psychotherapeuten gegenüber anderen Arztgruppen geführt haben soll. Ursprünglich sollten ganze zehn Prozent gekürzt werden.
Das Entscheidungsgremium des Gesundheitswesens hat sich letztlich für 4,5 Prozent entschieden. In einer Pressemitteilung hieß es:
„Das ist aus Sicht des GKV-Spitzenverbandes insgesamt ein angemessener Kompromiss, der die Interessen der Psychotherapeuten einerseits und andererseits die der Menschen, die die Krankenkassenbeiträge bezahlen müssen, angemessen berücksichtigt hat“, begründet die GKV.
Gleichzeitig wurde beschlossen, dass die Zuschläge für besondere Strukturen rückwirkend erhöht werden sollen. Insgesamt ergibt sich somit eine Honorarabsenkung von 2,3 Prozent für dieses Jahr, laut Dahm aber immer noch ungerecht.
Sparen am falschen Ende
Dahm sagt, sie wisse jetzt schon nicht, wie sie die hohe Anzahl an Patientenanfragen auch nur ansatzweise bewältigen solle. Es fühle sich an, als sei die Psychotherapie weniger relevant, als andere Arztgruppen, sagt sie. Die Folge könnte eine Zwei-Klassen-Gesellschaft sein, fürchtet Dahm:
„Bisher haben wir überhaupt keine Unterscheidung zwischen Kassen- und Privatpatienten gemacht. Jetzt müssen wir uns natürlich überlegen, wie wir die 4,5 Prozent auffangen“, sagt sie.
Eine Überlegung sei, nur noch Privatpatienten aufzunehmen, doch das sei mit ihrem Gewissen nicht vereinbar.
Dahm erhebt ihre Stimme
In einem Brief an das Bundesministerium für Gesundheit, macht Dahm ihrem Ärger zusätzlich Luft. Honorarkürzungen wären laut der Psychotherapeutin der völlig falsche Ansatz. Stattdessen wäre es wichtig, Geld in die Prophylaxe zu stecken. Sie fordert konkret, dass der Beschluss zurückgenommen werden solle. Es seien auch schon sämtliche Anwälte und Verbände eingeschaltet. Außerdem biete die Bundespsychotherapeutenkammer ebenfalls ihre Hilfe an.
Dahm möchte ihre Patienten nicht im Stich lassen. Sie müsse jedoch eine tragbare Lösung finden: „Wir werden in unserer Praxis keine Therapie beenden, nur weil wir jetzt weniger verdienen sollen. Wir müssen aber natürlich nach Perspektiven schauen. Und das heißt für die Kinder und Jugendlichen, dass die Versorgung noch schlechter wird.“
